Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Es geht um Frauen

Vorarlberg / 11.03.2023 • 06:30 Uhr

Österreich entdeckt, was aufgrund der demografischen Entwicklung seit Jahren absehbar ist: Arbeitskräfte werden knapp. Sie aber sind unverzichtbar, damit die Wirtschaft weiterhin prosperieren kann und darüber hinaus auch in Zukunft genügend Steuern und Beiträge zur Finanzierung staatlicher Leistungen zusammenkommen.

Ein Problem ist, dass das zahlenmäßige Verhältnis zwischen unter und ab 60-, 65-Jährigen kippt. Und dass es daher wichtig ist, dass möglichst viele Jüngere erwerbstätig sind. Worüber man sich grundsätzlich keine Sorgen machen muss. Das läuft: Eine überwältigende Mehrheit all jener, die arbeiten können, tun das auch. Weil sie müssen. Wer gut wohnen und einen gewissen Wohlstand genießen möchte, wer Ski fahren oder reisen will, der hat gar keine andere Wahl. Mit der Mindestsicherung geht sich das nicht aus.

„Es braucht flächendeckende Ganztagskrippen und -kindergärten, die ganzjährig verfügbar sind. Sowie ebensolche Schulen.


Der Haken aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ist, dass die Zahl der Vollzeitbeschäftigten konstant bleibt und nur jene der Teilzeitbeschäftigten steigt. Arbeitsminister Martin Kocher hat im Februar den Fokus darauf gelegt. Herausgekommen ist eine Debatte darüber, ob man Leuten, die freiwillig 20, 30 Stunden arbeiten und damit auch weniger einzahlen, im Falle des Falles entsprechend weniger auszahlen sollte. Solche „Bestrafungsaktionen“ würden jedoch kaum etwas bringen: Hier geht es um Leute, die es sich leisten können, kürzer zu treten; die den Luxus haben, mehr Zeit für sich und Angehörige nützen oder genießen zu können. Insofern steht das auch für Lebensqualität. Vor 50, 60 Jahren war Vergleichbares schier unvorstellbar.
Wichtiger wäre es, sich damit auseinanderzusetzen, warum ein großer Teil der Frauen nicht über eine Teilzeitbeschäftigung hinauskommen kann. Das ist eine Masse, hier schlummern Potenziale.


Dass sie nur zögerlich gehoben werden, ist auf hartnäckige Rollenbilder zurückzuführen: Frauen kümmern sich um den Haushalt und die Kindererziehung. Einer bezahlten Arbeit gehen sie ausschließlich nach, wenn sie daneben noch Kapazitäten haben oder es fürs Haushaltsbudget sein muss. Natürlich: Diese Bilder lösen sich auf. Aber eben nur allmählich.

Es ist schon ein Fortschritt, dass ÖVP-Chef und Bundeskanzler Karl Nehammer in Bezug auf Kinderbetreuung nicht mehr von Wahlfreiheit und Bedarfserhebungen spricht, sondern einen Ausbau für Ab-1-Jährige ankündigt. Notwendig wäre mehr: Damit Frauen Vollzeit arbeiten können, braucht es flächendeckende Ganztagskrippen und -kindergärten, die ganzjährig verfügbar sind. Sowie ebensolche Schulen. Außerdem wesentlich sind Männer, die genauso kochen, putzen, bügeln und zu Hause bleiben, wenn der Sohn oder die Tochter mit Fieber im Bett liegt.


Wenn all das gewährleistet ist, werden die eingangs erwähnten Herausforderungen viel kleiner: In allen Bereichen wird es eher möglich sein, den Personalbedarf zu decken; der Staat wird plötzlich mehr Steuern und Beiträge einnehmen, vielleicht sogar keine neuen Schulden mehr machen bzw. genug haben, um Pensionen, Gesundheitsversorgung, Pflege und vieles andere zu finanzieren.

Ja, es wäre ein echter Trumpf für den Standort Österreich: Frauen kommen längst zu höheren Bildungsabschlüssen als Männer. Das könnte sich dann voll entfalten.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.