Das lange Leiden einer starken Frau

Vorarlberg / 23.11.2022 • 12:30 Uhr
Arno Fricke musste den Tod seiner Frau Gudrun verkraften. <span class="copyright">Patrick Säly</span>
Arno Fricke musste den Tod seiner Frau Gudrun verkraften. Patrick Säly

Arno Fricke verlor vor knapp zwei Jahren seine Frau. Er begleitete sie in ihrer letzten Lebensphase.

Gaschurn Der Beruf war sein Leben. „Ich habe für den Tourismus gelebt“, sagt Arno Fricke (69), der eine beachtliche Karriere hinlegte. 16 Jahre führte der studierte Touristikkaufmann aus Vandans die „Montafon Tourismus GmbH“, nachdem er vorher mehr als 15 Jahre lang das Verkehrsamt Gaschurn geleitet hatte. Als Tourismuschef schuf und vermarktete er die Marke Montafon, „erfand“ Events wie die Silvretta Classic, die Volksmusiktage und den Mountainbike-Marathon M3, leitete den Skipool Montafon und führte das jetzige Informations- und Buchungssystem ein, gab somit den entscheidenden Anstoß für die Digitalisierung. „Ohne meine Frau Gudrun hätte ich diese Karriere nicht machen können. Sie hielt mir den Rücken frei“, gibt er freimütig zu. Er verhehlt auch nicht, dass er ein schlechter Ehemann war. „Gudrun litt darunter, dass ich nie da war.“

Gudrun und Arno lernten sich beim Skifahren kennen. Sie heirateten 1979.
Gudrun und Arno lernten sich beim Skifahren kennen. Sie heirateten 1979.

Als Arno im Jahr 2013 als Tourismuschef abtrat, wurde seine Frau krank. „Es fing mit Schluckbeschwerden an. Sie magerte von 52 auf 42 Kilo ab und suchte einen Arzt um den anderen auf.“ Im März 2015 war klar: Gudrun leidet an Speiseröhrenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. „Für mich brach damals eine Welt zusammen.“ Aber die Bankangestellte nahm voller Mut den Kampf gegen den „Parasiten“ auf. „Sie war ihr Leben lang eine starke Frau. So stark kann ich gar nicht mehr werden.“ Wie eine Löwin kämpfte sie gegen die lebensbedrohliche Krankheit, unterzog sich einer achtmonatigen Chemo- und Strahlentherapie und einer elfstündigen Operation. „Es war unbeschreiblich schön, als sie drei Wochen nach der OP die Augen öffnete und mich anschaute.“ Nachdem Gudrun auf die Therapie gut angesprochen hatte, schöpfte das Paar, das im Jahr 1979 zum Traualtar geschritten war, wieder Hoffnung. „Das schaffen wir, versicherten wir uns gegenseitig.“

Höllische Schmerzen

Die gebürtige Deutsche kämpfte tapfer, aber nach einem langen Leidensweg verlor sie den Kampf um ihr Leben. Im Jahr 2016 überlebte sie nur knapp einen Darmverschluss, mit einer Not-OP rettete man damals ihr Leben. Im Jahr 2018 musste ein Teil ihres Darms entfernt werden. „Sie war ein Haudegen, aber vor der OP weinte sie.“ In der Folge verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand wieder zusehends. „Gudrun wurde immer weniger und hatte erneut Schluckbeschwerden.“ Im Jahr 2019 dann die erschütternde Diagnose: inoperabler Mandelkrebs. „Arno, soll ich noch einmal eine Chemo machen, fragte sie mich zaghaft.“

Arno Fricke mit einem Bild, das seine verstorbene Frau Gudrun zeigt.
Arno Fricke mit einem Bild, das seine verstorbene Frau Gudrun zeigt.

Die zweite hochdosierte Chemotherapie verkraftete die schwerkranke Frau nicht mehr so gut wie die erste. „Sie litt an Übelkeit und war sehr müde.“ Aber noch immer hatte die Krankheit sie nicht völlig in die Knie gezwungen. „Arno, wir zwei schaffen es, jetzt bin ich ja nicht mehr allein wie früher“, sagte sie in Momenten der Zuversicht zu ihrem treusorgenden Ehemann. Aber dann begannen sie stechende Schmerzen im Kopf zu plagen. „Gudrun war nicht wehleidig. Aber diese Schmerzen machten ihr das Leben zur Hölle.“ Ein Gehirntumor, den man 2020 entdeckte, verursachte die Nervenschmerzen und bewirkte, dass sie nicht mehr sprechen konnte.

Engel auf Erden

Gudrun ergab sich nun ihrem Schicksal. „Sie wollte nicht mehr ins Spital. Sie wollte sterben.“ Die letzten Tage ihres Lebens verbrachte die 64-Jährige im Hospiz, schmerzfrei, wie sie es sich sehnlichst gewünscht hatte. Gudrun starb am 9. Februar 2021. „Das Personal dort leistete Übermenschliches. Aber auch im Spital und in den Arztpraxen sind wir Engeln auf Erden begegnet“, ist Arno voller Hochachtung für das medizinische Personal, das seine todkranke Frau betreute.

Dankbar stimmt ihn rückblickend auch, dass er seine Gefährtin auf ihrem langen Leidensweg unterstützen und begleiten durfte. „In diesen Jahren habe ich meine Frau intensiv betreut. Ich wurde zum Krankenpfleger und Hausmann, habe geputzt, gewaschen, gekocht und ihr die Ernährungssonde gelegt. Jeder Handgriff, den ich für sie tun durfte, freute mich. Das tat mir menschlich gut, weil ich ihr etwas zurückgeben konnte für die vielen Jahre, die sie für mich da war. Gudrun schaute auf mich wie auf ein Kind.“ So schlimm die Jahre des Leidens für Gudrun, aber auch für Arno waren, etwas brachten sie zuwege: „Unsere Beziehung vertiefte sich. Es war die intensivste Zeit unserer 41 Ehejahre.“