Bye-bye Traumberuf

Vorarlberg / 07.09.2022 • 09:00 Uhr
Gudrun Diem ist mit der HAK Lustenau eng verbunden. Die Lehrerin unterrichtet seit 38 Jahren an dieser Schule.
Gudrun Diem ist mit der HAK Lustenau eng verbunden. Die Lehrerin unterrichtet seit 38 Jahren an dieser Schule.

Gudrun Diem (64) ist mit Leidenschaft Lehrerin. Die HAK-Professorin erfüllt es mit Wehmut, dass im nächsten Jahr die Pensionierung ansteht.

Lustenau Am liebsten spielte die kleine Gudrun mit den Nachbarskindern Schule. „Ich war immer die Lehrerin.“ Jahre später studierte die Niederösterreicherin in Wien Wirtschaftspädagogik „mit dem Ziel Lehrerin zu werden“. Während des Studiums arbeitete Gudrun Diem jeden Sommer als Erzieherin in einem österreichischen Ferienlager in Italien. „Mich mit Kindern und Jugendlichen zu beschäftigen, war mir immer wichtig. Denn das erfüllt mich.“

An der Handelsakademie St. Pölten begann sie ihre Laufbahn als Pädagogin. Ihre (berufliche) Heimat wurde dann aber bald Vorarlberg. „Mein Mann kehrte nach dem Studium nach Vorarlberg zurück. Ich ging mit ihm mit, auch weil mir das Land, die Menschen und die Berge gefielen.“

Monatelang in Lebensgefahr

Im Jahr 1984 begann Gudrun an der HAK Lustenau zu unterrichten. „Die Schüler waren hier viel braver als in St. Pölten.“ Die Arbeit machte ihr Spaß. Aber dann kündigte sich Lukas an, das erste Kind. „Mein Mann und ich wollten eine große Familie.“ Nach der Geburt des Kindes stand das Leben der frischgebackenen Mutter auf dem Spiel. „Monatelang wusste man nicht, ob ich überlebe“, erzählt Gudrun, die ein zweites Leben geschenkt bekam und im nächsten Jahr als Lehrerin an der HAK Lustenau in Pension geht.

Im Moment erfüllt es die 64-Jährige mit Wehmut, dass sie nur mehr ein Jahr im Schuldienst ist. „Es wird mir unheimlich fehlen, in der Klasse zu stehen und mit den Schülern zu interagieren. Auch die Kollegen werden mir abgehen.“ Ihr ist klar: „Die Pensionierung wird ein Einschnitt in meinem Leben werden.“ Nur der Muße frönen möchte sie im Ruhestand nicht. „Ich werde mich weiter für Kinder und Jugendliche engagieren, vielleicht arbeite ich ehrenamtlich in einem Lerncafé mit.“

Schon viele Schüler legten bei Gudrun Diem die Matura ab. <span class="copyright">Hak Lustenau </span>
Schon viele Schüler legten bei Gudrun Diem die Matura ab. Hak Lustenau

Wenn sie auf ihren beruflichen Werdegang zurückblickt, überkommt sie große Dankbarkeit. Denn: „Ich durfte meinen Traumberuf ausüben.“ Das Schöne am Unterrichten sei: „Einerseits kannst du den Schülern wirtschaftliches Wissen beibringen, andererseits kannst du sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung begleiten. Dafür sind sie sehr dankbar.“

Die jungen Menschen liegen ihr am Herzen. „Sie sind mir wichtig. Ich möchte, dass es ihnen gutgeht.“ Weil sie auch noch Beratungslehrerin ist (und das seit 20 Jahren), kann sie entscheidend zum Wohlergehen der Schüler beitragen. „Wenn sie Probleme haben, kommen sie zu mir.“

“Meine Kinder sind mein größtes Glück”

Gudrun entwickelte im Lauf der Jahre eine immer größere Leidenschaft für die Erziehungskunst. Deshalb bildete sich die engagierte Lehrerin in Sachen Persönlichkeitsbildung, soziale Kompetenz und Glück fort. „Ich bin den Direktoren dankbar, dass sie mir diese Fortbildungen ermöglichten, auch weil ich mich dadurch selbst weiterentwickeln konnte.“ Die Schulfächer Glück und Persönlichkeitsbildung unterrichtet die HAK-Professorin überaus gern. „Auf diese Stunden freuen sich die Schüler, auch weil ich ihnen ganz viel vom Leben draußen zeige. Ich gehe mit ihnen zum Beispiel ins Blinden- und Gehörlosenheim oder zur Telefonseelsorge.“  

Das Selbstbewusstsein der Schüler stärken und ihnen Kompetenzen zur Lebensbewältigung vermitteln – daran war der Lehrerin immer gelegen. Darauf legte sie auch bei der Erziehung ihrer eigenen Kinder Wert. Als Leitbild diente ihr die Montessori-Pädagogik. „Ich traute meinen Kindern viel zu. Mein Motto war: ,Hilf mir, es selbst zu tun‘“. Die dreifache Mutter, die nach dem Zerbrechen der Ehe den Nachwuchs allein großzog, zeigte ihren Kindern die Welt und gab ihnen ein Zuhause, in dem sie sich gut aufgehoben fühlten. „Meine Kinder sind mein größtes Glück“, sagt Gudrun. Aber nicht nur die Familie, sondern auch der Beruf sorgt in ihrem Leben immer wieder für Glückserlebnisse. Zuletzt war dies der Fall, als die Schüler der ersten HAK-Klasse am Ende der Stunde zu ihr sagten: „Wau, war die Stunde kurz.“ Daraus schloss Gudrun zurecht, dass sie die Jugendlichen mitreißen konnte. „Wenn mir das gelingt, macht mich das glücklich.“