Wo man im Montafon sein eigenes Porzellan herstellen kann

Vorarlberg / 01.06.2022 • 11:00 Uhr
Wo man im Montafon sein eigenes Porzellan herstellen kann
Lukas Kopf, Silvi Siegl und Söhnchen Felix haben es sich im alten Montafonerhaus in Bartholomäberg gemütlich gemacht.Privat

Silvi und Lukas haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Bartholomäberg Lukas Kopf aus Röthis und Silvi Siegl aus der Steiermark haben sich ihren Lebens­traum in einem alten Montafonerhaus erfüllt.

Seit Frühling 2019 leben sie mit Söhnchen Felix in Bartholomäberg. Dälmatenn heißt ihr Porzellanstudio im ausgebauten Dachboden des alten Heubodens. Der Name leitet sich nicht nur von der Straße Dälmaweg ab, auf der sie wohnen. Dälma ist auch der alte Flurname des Berghanges und Tenn wird der Gebäudeteil bezeichnet, der Wohnen und Arbeiten am Hof verbindet. Für Silvi und Lukas ist das Tenn ein Raum, der Erholung und kreatives Schaffen verschmelzen lässt. Auch ihre kreativen Köpfe verschmelzen und bilden eine perfekte Symbiose.

Die lichtdurchflutete Werkstatt war früher ein Heuboden. Nun können hier Kursteilnehmer ihr eigenes Frühstücksservice herstellen. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Die lichtdurchflutete Werkstatt war früher ein Heuboden. Nun können hier Kursteilnehmer ihr eigenes Frühstücksservice herstellen. VN/JUN

Kennengelernt haben sie sich in Wien. „Seit ich 14 Jahre alt bin, ist Keramik meine Leidenschaft“, erzählt Silvi. Sie war eine von fünf Glücklichen, die in die Keramikklasse der Universität für angewandte Kunst in Wien aufgenommen wurde. 20 Jahre lebte Silvi in Wien, hat im Anschluss an ihr Keramikstudium ein Lehramtsstudium drangehängt, um an der Akademie der bildenden Künste Lehramtsstudenten im Fach Keramik zu unterrichten und ihr eigenes Handwerkswissen weiterzugeben. „Als Plan B“, fügt sie an. Denn: „Handwerker und Lehrer sind immer gefragt.“

Auf dem Werkstisch stellen sie ihre Produkte aus. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Auf dem Werkstisch stellen sie ihre Produkte aus. VN/JUN

Lukas ist ebenfalls ein kreativer Handwerker und gleich mehrfach talentiert, denn er hat nicht nur Kunst und Design studiert, sondern ist auch Schilderhersteller, macht Tischler- und Schlosserarbeiten und kann Glas blasen. An der Kunstuniversität hat er sein Repertoire erweitert und die Kunst des Formenbaus erlernt. Eigentlich hatte er das Formenbauen schon ad acta gelegt, bis er Silvi kennenlernte. Jetzt ist er für den Formen- und Modellbau verantwortlich, quasi für die Vorstufe der Keramikherstellung. Dafür drechselt er die Gießformen aus Gips.

Silvi gießt die flüssige Keramik in die Gipsform. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Silvi gießt die flüssige Keramik in die Gipsform. VN/JUN

Silvi gießt in die Gipsform die flüssige Keramik hinein. Danach muss das flüssige Material erst einmal antrocknen. Den überschüssigen Rand retuschiert Silvi weg, dann kommt die Schüssel für circa 20 Stunden in den Ofen zum Brennen. Wenn die Schüssel abgekühlt ist, glasiert Silvi die Innenseiten. Anschließend wird die Schüssel ein zweites Mal gebrannt und zum Schluss noch geschliffen. Für eine Schüssel braucht Silvi ungefähr eine Woche, denn sie sammelt erst ein paar Gefäße, bevor sie den Ofen einschaltet.

Und gießt nach einem kurzen Antrocknen die überschüssige Keramik wieder in den Eimer. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Und gießt nach einem kurzen Antrocknen die überschüssige Keramik wieder in den Eimer. VN/JUN

„Der Erfolg ist garantiert“

Seit Mai geben die beiden wieder Keramikkurse für kleine Gruppen. Silvi und Lukas bieten verschiedene Tagesworkshops an, wie einen Gieß- oder Formenbaukurs. „Viele wissen nicht, wie Porzellan hergestellt wird“, weiß Silvi. Gedacht sind die Workshops für „alle, die Lust haben, etwas Neues auszuprobieren“, sagt Silvi. „Der Erfolg ist garantiert, auch mit zwei linken Händen.“ Die selbst angefertigten Tassen, Teller und Schalen werden dann nach Hause verschickt.

Der überschüssige Rand wird von Silvi wegretuschiert.<span class="copyright"> VNJUN</span>
Der überschüssige Rand wird von Silvi wegretuschiert. VNJUN

In der Mittagspause werden die Gäste von Lukas bekocht. Die Nachbarin hat Kuchen gebacken. „Wir wollen die Nachbarn mit ins Boot holen“, sagt Lukas, weshalb auch Unterkünfte in der Nachbarschaft angeboten werden, da viele Gäste nicht aus der näheren Umgebung, sondern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum kommen.

Nach einem weiteren Trocknen kann man die Schale aus der Gipsform ziehen.<span class="copyright"> VN/JUN</span>
Nach einem weiteren Trocknen kann man die Schale aus der Gipsform ziehen. VN/JUN

Zur Handwerkskunst zählt für Lukas auch das Kochen. Bei einem seiner Projekte, die temporäre Installation namens „Sozialverdichtungsapparat”, hat er eine Küche im öffentlichen Raum gebaut, um dort Menschen begegnen und gemeinsam kochen zu lassen. Er selbst kocht leidenschaftlich gerne. „Für mich ist die Werkstatt und die Küche das Gleiche“, sagt der 36-Jährige. „Bei beidem muss man das Handwerk beherrschen.“ Für ihn sind die Zutaten Rohstoffe. „Ich experimentiere gerne damit.“

Für jedes Muster gibt es eine eigene Gipsform. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Für jedes Muster gibt es eine eigene Gipsform. VN/JUN

Werbung für ihr Porzellanstudio machen sie keine. „Wenn jemand sein selbstgemachtes Geschirr daheim hat und es jemand anderes sieht, ist das die beste Visitenkarte“, sagt Lukas. Geplant ist zwar ein Onlineauftritt mit ihren Produkten, aber einen klassischen Onlineshop wird es nicht geben, da das Paar ihre Vasen, Schalen und Co. auf Bestellung anfertigt. Vor allem wollen sie so mit Leuten in Kontakt kommen. Zwei Produktserien in jeweils acht verschiedenen Farben und mit jeweils 15 bis 20 Teilen haben sie herausgebracht, die „Alma“ und „Susi“. Während „Alma“ schlicht und geradlinig ist, besticht „Susi“ durch verspieltere Formen und Muster.

Lukas hält die Gipsform, Silvi die fertige Schüssel. Bis die Schüssel fertig ist, dauert es circa eine Woche. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Lukas hält die Gipsform, Silvi die fertige Schüssel. Bis die Schüssel fertig ist, dauert es circa eine Woche. VN/JUN

Im Winter bieten die beiden keine Kurse an. Diese Zeit nutzen sie, um in ihrer Winterwerkstatt für sich selbst Porzellan zu produzieren und neue Produkte zu entwickeln. Zeit für sich haben sie im Frühling und Herbst, der Sommer ist mit Workshops durchgetaktet. „Wir leben mit den Jahreszeiten“, sagt Silvi. „Im Winter fällt mir die Decke auf den Kopf und nach dem Sommer bin ich gerädert.“ Aber es sei auch ein Privileg, dort zu arbeiten, wo man zu Hause ist.

Oben auf dem alten Heuboden befindet sich die Werkstatt, unten ist die Terrasse. <span class="copyright">VN/JUN</span>
Oben auf dem alten Heuboden befindet sich die Werkstatt, unten ist die Terrasse. VN/JUN

Fluch und Segen zugleich

In der Zeit, in der Silvi auf Reisen war, das jahrhundertealte Montafonerhaus mit Lukas renoviert hat und mit Felix schwanger war, ist ihr das Herstellen von Porzellan schon abgegangen. „Jetzt habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht“, strahlt die 40-Jährige. Um Kind und Arbeit unter einem Hut zu bringen, arbeiten Lukas und Silvi gerne abends und nachts, wenn Felix schläft, oder vormittags, wenn er in der Spielgruppe ist. „Das ist Fluch und Segen zugleich“, sagt Silvi, da sie so nie kontinuierlich arbeiten können und das, obwohl doch beide so gerne arbeiten wollen.