Ein zähes Ringen um jede Impfdosis

Ein Jahr Coronaimpfung in Vorarlberg. Jetzt warten genug Impfdosen auf Impfwillige.
Bregenz Vor einem Jahr wurde auch in Vorarlberg mit der Coronaschutzimpfung begonnen. Zuerst war der Impfstoff knapp, jetzt gibt es genug, doch die Impfwilligen sind rar.
Dennoch ziehen Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher und Impfkoordinator Sebastian Wöss ein positives Resümee. „Wir haben 67,5 Prozent der Bevölkerung mit einem gültigen Impfzertifikat und 152.000 verabreichte dritte Dosen. Das bildet schon die große Mehrheit ab.” Gleichzeitig ist die Omikron-Variante im Vormarsch.
Wie sieht Ihre Bilanz nach einem Jahr Coronaschutzimpfung in Vorarlberg aus?
Rüscher Mein Dank geht an alle, die sich trotz Skepsis, die wahrscheinlich jede und jeder hat, wenn es um eine Impfung geht, dazu bereiterklärt haben. Der Beginn war durch die knappe Impfstoffverfügbarkeit schwierig, über den Sommer haben wir jedoch extrem viele Impfaktionen angeboten, das Impfen praktisch vor die Haustüre gebracht. Im Herbst stieg die Impfbereitschaft wieder, aber jetzt ist es wirklich ein zähes Ringen um jede Dosis.
Stichwort Omikron: Niemand redet mehr von einer Welle, sondern von einer Wand. Was kommt da wirklich auf uns zu?
Rüscher Wir können uns derzeit nur an verschiedenen Szenarien aufgrund der Daten aus anderen Ländern orientieren, wo die Variante schon angekommen ist. Wir haben uns bereits vor Weihnachten auf einen Worst Case vorbereitet, weil niemand weiß, wann Omikron durchschlagen wird. Wien liegt schon bei 50 Prozent aller positiven Ergebnisse, wir bei rund sieben Prozent. Wenn Omikron da ist, geht es sehr schnell. Es kann diese Woche sein, es kann Ende Jänner sein, aber sie wird auf jeden Fall kommen, in welcher Ausprägung genau, wissen wir nicht.
Muss sich die Bevölkerung auf einen weiteren Lockdown einstellen?
Rüscher Wir hoffen, dass es den nicht braucht. Ein Lockdown ist immer das härteste Mittel. Wir sehen aber auch, dass Lockdowns weniger wirken als früher. Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, die Ausbreitung zu verhindern. Die letzten Werte sind wieder positiv, was den Impfschutz betrifft. Im Moment liegt er zwischen 75 und 85 Prozent bei Dreifachgeimpften und bei 36 Prozent bei Zweifachgeimpften. Kontaktbeschränkungen jetzt machen Sinn, keine großen Silvesterpartys machen Sinn, auf sich zu achten, macht Sinn. Die neue Herausforderung ist schon da.
Muss die Politik nicht auch aufpassen, dass man den Menschen nicht zu viel Angst einjagt?
Rüscher Es gibt immer die Herausforderung zwischen transparenter Information von Daten und Fakten und nichts verschweigen. Wir haben bisher immer transparent das kommuniziert, wo wir wirklich stehen, das ist in den Dashboards ersichtlich. Das wird auch weiterhin unsere Linie sein. Wir haben alle in Alarmbereitschaft versetzt und beobachten die Situation sehr genau. Die Bevölkerung soll die Atempause genießen, aber bitte mit sehr viel Vorsicht.
Könnten Sie sich „nur“ eine altersspezifische Impfpflicht vorstellen?
Rüscher Wir sehen eine Ausbreitung in allen Altersgruppen. Nur einen gewissen Teil zu schützen wird also nicht helfen, die Pandemie soweit einzubremsen, dass sie auch im Gesundheitswesen noch zu stemmen ist. Wir müssen uns breiter schützen, deshalb macht eine generelle Impfpflicht Sinn.
Ist die Ankündigung einer vierten Impfung nicht auch kontraproduktiv?
Rüscher Es lässt sich heute nicht sagen, wie viele Impfungen es tatsächlich brauchen wird. Wir können wahrscheinlich davon ausgehen, dass es sich wiederholende Impfungen benötigt, wie bei der Grippe. Ich persönlich rechne mit einem solchen Szenario. Sollte es anders kommen, ist es auch gut. Klar ist, dass die Impfung die einzige Antwort ist, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und schwere Verläufe zu verhindern. Am Ende der Kette trifft es das Gesundheitssystem. Wir müssen sicherstellen, dass jeder eine Gesundheitsversorgung erhält, der sie braucht. Wir müssen bei allen Maßnahmen aber ebenso abwägen, was die Folgen für die Gesellschaft sind und sehr bereit denken.
Ist insgesamt genug Impfstoff da?
Wöss Wir haben genügend Impfstoff und wären froh, wenn sich die Menschen jetzt schon impfen lassen würden und nicht warten, bis das Gesetz da ist. Es kommt auch bald der neue Impfstoff Novavax. Sobald er da ist, stellen wir dafür Termine zur Verfügung und hoffen, auch jenen, die skeptisch gegenüber den mRNA-Impfstoffen sind, eine Alternative bieten können.
Gab es Impfstoff-Verwurf im Land?
Wöss Wir mussten keinen Impfstoff verwerfen.
Der Grüne Pass soll nur noch neun Monate gelten? Ist das eine Möglichkeit, die Leute zum Impfen zu bringen?
Wöss Ich kann mir schon vorstellen, dass das ein Argument ist, um Menschen zum Impfen zu bringen, auch zur Boosterung. Wir wären jedoch froh, wenn man sich frühzeitig boostern lassen würde, weil wir gesehen haben, dass der Schutz mit der Zeit nachlässt und man jetzt gegenüber der Omikron-Variante den Schutz wieder aufbauen sollte.
Haben Sie Angst vor Aufmärschen, wenn die Impfpflicht da ist?
Rüscher Ich habe keine Angst, aber ich sehe mit Sorge, was bei Demonstrationen passiert, und wir beschäftigen uns auch sehr intensiv damit. Unsere Aufgabe ist es, möglichst viel und breite Information zur Verfügung zu stellen. Das Problem ist, dass es noch sehr viel Unwissenheit und Fehlinformation gibt. Protest ist in Ordnung, Sorge ist in Ordnung, Information muss man sich aber nicht auf der Straße holen. Wir werden mit vereinten Kräften versuchen, gute Antworten zu finden und gute Informationsmöglichkeiten zu bieten, aber die Entscheidung muss letztlich jeder selbst treffen, sich aber auch bewusst sein, dass es eine Entscheidung ist, mit der er Verantwortung für die Mitmenschen und die Gesellschaft übernimmt.