In der Weihnachtszeit wird Mirko zum Kind

Mirko, der Einwanderer aus Kroatien, und seine Erinnerungen an die herrlichen Weihnachten seiner Kindheit.
Lochau Mirko Palković (73) verließ vor fünfzig Jahren sein Heimatdorf Cerna in Ostkroatien, um in Deutschland ein Auto zu kaufen. Zöllner holten den 23-jährigen Kroaten am 24. August 1971 in Salzburg aus dem Zug, weil er kein Einreisevisum besaß. „Ich stand auf der Straße, konnte kein Wort Deutsch und wusste nicht wohin.“ Aber der Himmel schickte ihm genau zur rechten Zeit einen „Engel“. „Ein Mann blieb mit seinem Moped stehen, schaute mich von Kopf bis Fuß an und sagte dann auf Kroatisch zu mir: ‚Wieder einer von uns.‘“ Der Landsmann nahm ihn mit nach Hause und verschaffte ihm innerhalb weniger Tage eine Arbeit und eine Unterkunft.
Ohne Auto wollte Mirko auf keinen Fall zurück nach Hause. Also erarbeitete er es sich in Österreich. In der Schuhfabrik in Salzburg machte er viele Überstunden und lernte nebenbei von seinen Arbeitskollegen Deutsch. Nach zwei Jahren hatte sich Mirko so viel Geld erspart, dass er einen Gebrauchtwagen kaufen konnte. Aber nun wollte er im Land bleiben. „Ich war im Westen und wusste es zu schätzen.“ Österreich bot ihm in puncto Ausbildung und Beruf viele Chancen, wofür er noch heute zutiefst dankbar ist. „Ich habe jede beim Schopf gepackt.“
Beruflich mehrmals umorientiert
Mirko übte im Lauf seines Lebens verschiedene Berufe aus. Er war Kellner, Versandangestellter und – 15 Jahre lang – Maschinenschlosser. Als er mit 42 Jahren zuckerkrank und gekündigt wurde, ließ er sich zum Pflegehelfer mit Schwerpunkt Diabetes und OP umschulen. In der Folge arbeitete er sechs Jahre lang als Operationshelfer im Krankenhaus Bregenz und im Sanatorium Mehrerau. Nach einem Verkehrsunfall, bei dem er sich ein Bein schwer verletzte, musste er sich beruflich erneut umorientieren. Mirko, der inzwischen mit einer Österreicherin verheiratet war und eine Familie gegründet hatte, absolvierte einen Universitätslehrgang zum diplomierten Suchtberater. Als solcher war er bis zu seiner Pensionierung tätig, unter anderem arbeitete der zweifache Vater in einer Langzeit-Entzugsstation im Oberland. „Ich habe gerne mit suchtkranken Menschen gearbeitet, auch weil ich vertrauensvolle Beziehungen zu ihnen aufbauen konnte.“
Österreich ist für Mirko zur zweiten Heimat geworden. Die alte Heimat freilich, die ist nicht vergessen. Die ist nach wie vor fest in seinem Herzen verankert. Vor allem in der Adventszeit überschwemmen Mirko Erinnerungen, Erinnerungen an die wunderschönen Weihnachten seiner Kindheit. Damals war die Welt noch magisch und die Weihnachtszeit voller Zauber. Für den kleinen Mirko wurde sie bereits Anfang Dezember eingeläutet mit dem Glockengebimmel, das die Pferdeschlitten der Bauern begleitete, die ihr Holz nach Hause fuhren. „Diese Glöckchen höre ich heute noch.“ Auch der Nikolaustag hinterließ bei dem Buben bleibenden Eindruck. „Meine zwei Geschwister und ich stellten unsere frisch geputzten Gummistiefel vor die Tür und hofften, dass der Nikolaus sie über Nacht mit Süßigkeiten befüllt. Am nächsten Tag sah man, wie brav man war.“
Kein einziges Spielzeug besessen
Der Heilige Abend jedoch übertraf alles. „Unsere Kinderaugen leuchteten, als wir den mit Kerzen, Keksen und Lebkuchen-Pferdchen geschmückten Christbaum sahen und die Handschuhe, Stricksocken und Schals, die darunter lagen.“ Ein Spielzeug hätte Mirkos Augen vermutlich noch mehr zum Strahlen gebracht. Denn er besaß kein einziges. „Ich hatte keine Zeit zum Spielen, weil ich auf dem Feld arbeiten und unsere Pferde, Schweine, Kühe und Hühner versorgen musste.“ Sonntags aber spielte der älteste Sohn eines katholischen Arbeiters Fußball – mit einem „Ball“, den seine Großmutter fabriziert hatte. „Es war ein Wollknäuel, über den eine Socke gestülpt war.“ Ein Weihnachtsgeschenk zaubert Mirko heute noch ein Lächeln ins Gesicht. „Einmal bekam ich eine Orange geschenkt. Diese Frucht kannte ich nicht. Ich habe sie verehrt und mit in die Schule genommen, um sie zu zeigen. Ich habe die Orange so lange mit mir herumgetragen, bis sie weich war. Dann schnitt meine Mutter sie auf und ich aß sie mit dem Löffel.“

Das Weihnachtsmenü am Heiligen Abend war einfach. „Um 21 Uhr haben wir uns an den Tisch gesetzt und Apfelschnitze, Walnüsse und Knoblauchscheibchen in Honig eingetunkt. Nach der Mette gab es Deftigeres zum Essen, da kamen Sulzen auf den Tisch.“ In seinem Dorf ging man mit Kind und Kegel zur Mette: „Die Kleinsten wurden getragen.“ Auf dem Weg zur Kirche holte ihn wieder der Zauber der Weihnacht ein. „Der Mond erhellte die Nacht, der Schnee knirschte unter meinen Schuhen, ein Hund bellte aus einer Ecke. Weihnachten halt.“ Auf dem Nachhauseweg durfte Mirko als Ältester vorangehen und seiner Familie mit einer Laterne den Weg ausleuchten. Das erfüllte den Buben mit Stolz.
Zu Hause wartete die behaglich warme Wohnküche auf die Palkovićs. Mirkos Vater hatte auf dem Boden Stroh ausgelegt, um daran zu erinnern, dass Jesus Christus in einem Stall zur Welt gekommen war. „Wir Kinder legten uns aufs Stroh, sahen den Widerschein des flackernden Herdfeuers an der Decke, die Eisblumen, die am Fenster blühten, und hörten die Grillen zirpen, die sich in unserem Ziegel- und Lehmofen eingenistet hatten. Irgendwann schlummerten wir neben unserer Katze und unserem Hund selig ein.“