Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Der beste Christbaum aller Zeiten

Vorarlberg / 14.12.2021 • 07:30 Uhr

Meinen ersten eigenen Christbaum hatte ich, als ich in Ottakring wohnte.

Zu einer Zeit, als mir Weihnachten gar nicht so wichtig war, in dieser Phase, in der ich selbst kein Kind mehr war, aber selber noch keine hatte, und den Heiligabend durchaus auch mal im Stammlokal verfeierte.

„Es war trotzdem der beste Baum, den ich je hatte, weil er so intensiv roch.

Ich arbeitete damals bei einem Nachrichtenmagazin, ich glaube, wir hatten gerade die fette letzte Ausgabe des Jahres in die Druckerei geschickt und waren bereit für erste Weihnachtsfeierlichkeiten. Als wir die Redaktion verließen, kamen Kollegin Ulla und ich an einem Christbaummarkt vorbei und beschlossen, dass wir jetzt erwachsen genug für einen Christbaum seien, kauften zwei, verzichteten auf die Plastiknetze, stopften die Bäume irgendwie in Ullas Kleinwagen und fädelten uns selber dazwischen. Wir hatten dann einen kleinen Unfall, der aber nicht unsere Schuld war, es war uns an der Ampel hinten einer aufgefahren. Zum Glück war gar nichts passiert, aber wir machten nur wohl einen merkwürdigen Eindruck in unserem fahrenden Baum. Ich brachte meine Tanne dann in die Wohnung und lehnte sie in eine Ecke, und genau so blieb sie dann auch bis lange nach Dreikönig stehen.

Es war trotzdem der beste Baum, den ich je hatte, weil er so intensiv roch. Der ganze Wohnraum duftete nach Wald, tagelang. Ich habe danach jedes Weihnachten einen Christbaum gesucht, der so intensiv riecht, aber ich habe nie wieder genau so einen gefunden. Ich weiß nicht, ob ich die Geschichte schon einmal erzählt habe, aber weil es unser erster Christbaum war, waren wir noch nicht solche Profis beim postweihnachtlichen Christbaum-Entsorgen, dafür hatten wir zum ersten Mal einen Balkon, und anstatt den Baum auf einen der Baumplätze zu werfen, von denen die Stadt Wien jedes Jahr bis zu 170.000 Bäume abholt und zu Strom und Fernwärme verarbeitet, stellten wir ihn vorübergehend erstmal vor die Balkontür. Der Baum fiel uns erst wieder auf, als wir im Frühling bemerkten, dass in seinen Ästen ein Vogel sein Nest gebaut hatte. Er blieb dann einfach noch bis in den Sommer hinein da stehen und wurde dann Stück für Stück im Grill verheizt.

Gestern habe ich mir wieder einen Christbaum gekauft, im Hof eines Waldviertler Christbaum-Bauern, und wieder mit Freunden. Ein edler Hund schnüffelte zwischen den schönen Bäumen herum, und der Bauer hat sich, glaub ich, ein bisschen gewundert, weil wir mitten im Waldviertel Vorarlbergerisch geredet haben, während wir uns Bäume aussuchten. Aber er hat uns dann einfach einen Becher Glühwein eingeschenkt und wir haben auf den schönen, verschneiten Advent angestoßen: fröhliche Weihnachten!

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.