Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Omikron? Keine Ahnung!

Vorarlberg / 09.12.2021 • 23:10 Uhr

Etwas Unbeschwertheit, Weihnachtseinkauf, vielleicht ein Glühwein. Die Menschen wünschen sich das, die Wirtschaft sowieso. Nie sehnen wir uns mehr nach der Normalität unseres Lebens als am Ende eines Lockdowns. Zumal der vierte vermeidbar gewesen wäre, aber offenbar war der ÖVP die oberösterreichische Landtagswahl wichtiger.

Ob es sich neben dem schnellen Effekt und etwas Applaus auch längerfristig für Vorarlberg als verantwortungsvoll und klug erweisen wird, mit den schlechtesten Zahlen nun unter den ersten Bundesländern zu sein, die alles öffnen? Für eine evidenzbasierte, wissenschaftlich argumentierbare Entscheidung müsste man so Sachen wissen, wie: Ist die deutlich aggressivere Omikron-Variante des Coronavirus bereits in Vorarlberg angekommen?

Gute Frage, aber das ist leider unbekannt. Landeshauptmann Markus Wallner konnte keine Daten dazu in seine vorweihnachtliche Öffnungsentscheidung einbeziehen. Es liegen keine Erkenntnisse zu Omikron vor. Erinnern Sie sich noch? Am 29. 11. erfuhren wir erstmals von einem Omikron-Verdachtsfall in Vorarlberg.

Parteipolitik hat in der Pandemiebekämpfung nichts verloren.

Das Ergebnis der Sequenzierung hätte Omikron-Gewissheit bringen sollen, die Proben dazu wurden an die Agentur für Gesundheit (AGES) nach Wien geschickt. Bis heute gibt es kein Ergebnis, obwohl genügend Zeit verstrichen ist, dass die betreffende Person die Corona-Erkrankung hoffentlich längst hinter sich gelassen hat. Inzwischen haben sich schon 30 Personen als Reiserückkehrer aus Südafrika bei den Behörden gemeldet, fünf von ihnen waren positiv. Auch von ihnen ist kein Sequenzierungsergebnis da.
Wir fahren in Sachen Pandemiegeschehen aktuell in dichtem Nebel. So bleibt es, den “Buckel” im Diagramm der Vorarlberger Infektionszahlen erfreut zur Kenntnis zu nehmen. Ob der Rückgang schon von Omikron unterwandert wird, wissen wir nicht. Auch im Frühjahr 2021 gingen alle Zahlen zurück, während sich – lange unbemerkt – Delta zur dominierenden Variante aufschwang. So wie sich vieles in dieser Pandemie zu wiederholen scheint, läuft nun der politische Versuch, den Erfolg der “Modellregion” vom vergangenen Frühjahr zu wiederholen.

Erwiesen ist: Lockdowns wirken nicht mehr in der Art und Weise, in der sie noch das erste, zweite und dritte Mal gewirkt haben. Ein fünfter Lockdown kann also künftig nicht mehr die Antwort sein. Es muss gelingen, das immer schneller werdende Pandemiegeschehen mit anderen Maßnahmen im Zaum zu halten.

Das alles wird nicht einfacher im mittlerweile bizarren Klima aus Unsicherheit, Hass und Wut, das die FPÖ unter Einsatz aller Mittel politisch weiter befeuern will. Die FPÖ-Abgeordnete Dagmar Belakowitsch verbreitet auf Demos unter anderem die Lüge, unsere Intensivstationen seien wegen der Behandlung von Menschen mit Impfschäden überlastet – und nicht wegen Corona-Patienten.

Dass die Polizei nun Krankenhäuser und weitere kritische Infrastruktur schützen muss, weil nicht klar ist, wann die Wut in Gewalt umschlägt, muss alle Alarmglocken schrillen lassen. Impfen ist keine politische Frage. Keine Frage von links oder rechts. Keine Frage, ob man für oder gegen die Regierung ist.
Sondern eine Frage der Solidarität. Parteipolitik hat in der Pandemiebekämpfung nichts verloren.

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.