Aufbahrung
Das erzählte mir ein Freund:
Als mein Urgroßvater starb, war er schon alt, und wie er selbst sagte, sei es höchste Zeit gewesen abzutreten.
Es schien, als wäre er gern gestorben. Er hatte sich von seinen Liebsten verabschiedet, wie wenn er auf eine Weltreise ginge. In seinem Leben war er Feuerwehrmann gewesen, und das seit seinem sechzehnten Jahr, er hatte es geliebt, Feuer zu löschen, und hatte sich insgeheim sich immer wieder Brände gewünscht, natürlich nur solche, bei denen keine Menschen zu Schaden kommen. Aber er konnte nichts dagegenhalten. Stand er vor einem flammenden Haus, wurde er geradezu fromm, wie ihn die Flammen bezauberten.
„Es war so feierlich, dass sogar Katze und Hund Haltung einnahmen.“
Deshalb beschloss seine Familie, ihn mit seiner Uniform ins Grab zu legen, mit dem polierten Helm und mit allem, was einen Feuerwehrmann unvergleichlich macht. So lag er in seinem Sarg, mitten in einem schmalen Wohnzimmer, rechts und links Gummibäume, die beinahe so alt waren wie er. Es war so feierlich, dass sogar Katze und Hund Haltung einnahmen. Vor Mitternacht setzte sich seine greise Frau an seine Seite, mit einem Glas vom besten Wein und prostete ihm zu.
Du hast mir viel geschenkt, sagte sie, viel Herzlichkeit, und von deinem Verstand hast du mich auch profitieren lassen. Du warst stolz auf unsere Kinder, und ich erinnere mich noch gut, wie du bei der Geburt von unserem Hans, gerade als er aus mir herausgeschwommen war, herzlich geweint hast. Das hat mich berührt. Mein Lieber. – Sie legte ihre Hand auf sein Herz. Als sie sich zum Gehen anschickte, verlangte sie von ihren Kindern, sich vom Verstorbenen in Würde zu verabschieden
Hans konnte nicht reden, so sehr weinte er. Als dann seine Tränen versiegten, sagte er: Papa, immer wenn ich deine Arbeitsschuhe gesehen habe, war ich glücklich, weil ich wusste, du bist zu Hause.
Irene schaute auf ihren Vater nieder und sagte: Ich verzeihe dir, dass du so ungerecht zu mir warst, nur weil ich ein Mädchen war. Ich habe für dich trotzdem einen Platz in meinem Herzen. Sie zeigte mit dem Finger auf ihre Brust. Da drinnen bist du, Papa.
Emil, der Urenkel fragte, ob er ihn hören könne, weil er nämlich so wach aussehe, gar nicht tot, obwohl die Augen zu waren. Und Danke für das Messer. Jetzt, wo du tot bist, ist es kein Geheimnis mehr, dass du es mir geschenkt hast. Ich kann es allen zeigen. Also mach’s gut, Opa. Und ging.
Es kamen noch Brüder und Schwestern, seine Lieblingsschwester legte ihm ein Foto in den Sarg. Man sieht Bruder und Schwester im Winter auf einer Rodel sitzen. Das war noch schön, damals.
Sein Bruder humpelte an den Sarg und stellte nüchtern fest, dass er lieber an seiner statt gestorben wäre. Ich bin viel schlechter zu Weg und muss noch eine Ewigkeit warten, bis ich drankomme. Aber ich beschleunige es, indem ich kaum noch esse. Leg inzwischen ein Polster auf meinen Himmelsplatz!
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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