ATIB Lustenau dementiert Einfluss der türkischen Regierung

Vorarlberg / 25.10.2021 • 05:00 Uhr
ATIB Lustenau dementiert Einfluss der türkischen Regierung
Eine Visualisierung des geplanten islamischen Kulturzentrums in Lustenau. Im Mai 2022 soll Baubeginn sein. Büro Cansiz/Specht

Betreiber des islamischen Kulturzentrums wollen ihr neues Projekt in geplanter Form umsetzen.

Lustenau Der Neubau eines islamischen Kulturzentrums beschäftigt viele Lustenauer. Im ausführlichen vn.at.-Interview sagt der Vertreter des Projektbetreibers, Hamit Öztürk: Man wolle das Projekt mit Turm umsetzen, suche den Konsens mit der Bevölkerung und speziell den Anrainern. Mit der türkischen Regierung habe man nichts zu tun, zu Präsident Erdogan will er nichts sagen.

Hamit Öztürk ist der Sprecher und der rechtliche Berater des ATIB Lustenau. Der Bau eines islamischen Kulturzentrums beschäftigt viele Lustenauer. <span class="copyright">VN/Serra</span>
Hamit Öztürk ist der Sprecher und der rechtliche Berater des ATIB Lustenau. Der Bau eines islamischen Kulturzentrums beschäftigt viele Lustenauer. VN/Serra

Wie beurteilen Sie die bisherigen Reaktionen auf Ihr Projekt?

Wir sind sehr erfreut über die vielen positiven Reaktionen und Rückmeldungen. Dass das Projekt “KUM” konfessionsübergreifend bei so vielen Menschen positiv angekommen ist, stimmt uns glücklich. Vor allem die Video-Statements von renommierten Persönlichkeiten und Lustenauerinnen und Lustenauern.

Was möchten Sie und Ihr Team in nächster Zeit unternehmen, um noch mehr Verständnis für das Bauvorhaben zu gewinnen?

Der ATIB Lustenau war von Beginn an bestrebt, das Projekt offen, ehrlich und transparent zu gestalten. Wir haben bereits in der Planungsphase den Dialog und den Austausch gesucht. Wir führten viele persönliche Gespräche, haben eine öffentliche Veranstaltung organisiert, zu welcher die gesamte Bevölkerung eingeladen wurde. Der Verein wird diesen offenen, transparenten und ehrlichen Dialog auch in der Zukunft fortsetzen.

Trotzdem gibt es auch Bedenken gegen das Projekt. Was an diesen ist für Sie nachvollziehbar, was nicht?

Absolut nicht nachvollziehbar und geradezu absurd ist die aufgestellte Behauptung, dass der Verein ATIB Lustenau mit den politischen Entwicklungen in der Türkei etwas zu tun habe. Diese Behauptung wird ausdrücklich zurückgewiesen. Es wird hier offensichtlich verkannt, dass es sich bei ATIB Lustenau um einen österreichischen Verein handelt, der nach dem Vereinsgesetz gegründet wurde, in Österreich ansässig ist und dessen soziale und kulturelle Tätigkeiten ausschließlich auf Österreich bzw. insbesondere auf Lustenau begrenzt sind. Nachvollziehbar und zu respektieren sind für mich die Bedenken der Nachbarn hinsichtlich des Verkehrs. Wir sind aber überzeugt davon, dass wir eine sehr gute Grundlage geschaffen haben und unser Konzept durch weitere Maßnahmen stärken können.

“Die Behauptung, der Verein ATIB Lustenau habe etwas mit der türkischen Politik zu tun, ist geradezu absurd.

Hamit Öztürk, Sprecher ATIB Lustenau

Wie wollen Sie das Verkehrsproblem lösen?

Das Verkehrsproblem in Lustenau können wir nicht lösen. Wir wollen es aber natürlich auch nicht verstärken. Daher haben wir frühzeitig ein renommiertes Ingenieurbüro mit einem umfangreichen verkehrstechnischen Gutachten beauftragt. Es bestätigt uns, dass die geplanten Kapazitäten ausreichen. Wir wollen zudem einen pragmatischen Maßnahmenkatalog erarbeiten: Fahrgemeinschaften an Freitagen und Feiertagen bewerben, Fahrgemeinschaften propagieren, fürs Fahrrad und das Zu-Fuß-Gehen plädieren.

Zurück zu den Bedenken gegen ATIB. Wie stehen Sie zu Erdogan und seiner Politik?

Es verwundert mich sehr, dass diese Frage an mich als juristischen Berater der ATIB Lustenau persönlich gestellt wird. Die türkische Politik interessiert mich nur am Rande, vielmehr interessieren mich die demokratiepolitischen Entwicklungen in Österreich.

Es gibt auch Bedenken wegen des vorgesehenen 20 Meter hohen Turms. Ist der für Sie verhandelbar?

Wir Muslime repräsentieren knapp ein Fünftel der Lustenauer Bevölkerung und wollen als bedeutender Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden. Aus Sicht der Muslime ist das Projekt mit all seinen Komponenten ein Zeichen der Toleranz, Akzeptanz und Wertschätzung.

ATIB Lustenau dementiert Einfluss der türkischen Regierung
Der Turm als Symbol der Moschee steht zur Diskussion. Für die Projektbetreiber gehört er zum Gesamtbau dazu. Visualisierung Cansiz/Specht

Können Sie sich beim Turm einen Kompromiss vorstellen?

Diese Frage stellt sich für den Verein derzeit nicht. Es läuft jetzt das Bauverfahren. Da werden baurechtliche sowie gewerberechtliche Themen seitens der zuständigen Behörden geprüft.

Das Gebäude kommt insgesamt gut an. Ist das für Sie eine positive Überraschung?

Da wir von Anfang an einen offenen, ehrlichen und transparenten Dialog zur Öffentlichkeit und den Behörden pflegen, sind die vielen positiven Rückmeldungen zwar sehr erfreulich, aber keine Überraschung.

Es existiert auch ein modernes Islambild, das Gleichberechtigung von Frau und Mann vorsieht. Aktivistinnen, die das vertreten, werden jedoch zum Teil bedroht. Wie ist Ihr persönliches Islambild?

In einem Rechtsstaat wie Österreich muss es jeder Person möglich sein, ihr bzw. seine Religion frei auszuüben und ihre/seine Meinung frei zu äußern. Dass Personen bedroht werden, weil sie andere Ansichten vertreten, darf nicht der Fall sein. Es liegt daher an den Behörden, Staatsanwaltschaften und Gerichten, diesen Fällen mit spezial- und generalpräventiven Maßnahmen entgegenzuwirken.

Welche konkreten Hoffnungen auf Verständigung und Dialog verbinden Sie mit dem neuen islamischen Kulturzentrum in Lustenau?

Das Projekt bietet einen Raum für den Dialog mit der Öffentlichkeit, um bestehende Vorurteile, Klischeevorstellungen und Ressentiments durch aktiven Informationsaustausch abzubauen und den Integrationsprozess zu fördern.

Dr. Hamit Öztürk

Der 32-Jährige ist promovierter Jurist und Partner der Anwaltskanzlei Lins/Öztürk in Bludenz. Er vertritt ATIB Lustenau rechtlich und ist der Sprecher des Vereins. Hamit Öztürk ist verheiratet und hat zwei Kinder.