“Ich hoffte jeden Tag, dass mich der Blitz trifft”

Anna (55) war ganz tief unten. Die zweifache Mutter fing sich wieder und genießt heute ihr Leben.
Schwarzach Anna (Name geändert) fühlt sich wie ein Mensch, der den Untergang der Titanic überlebt hat. „Ich bin auch eine Überlebende.“ Die 54-Jährige überlebte zwei toxische Beziehungen, mehrere depressive Phasen und einen Suizidversuch. Anna ist froh und dankbar, dass sie noch am Leben ist. Denn: „Ich lebe wieder gerne. Es geht mir gut. Ich bin jetzt die Meisterin über mein eigenes Leben und weiß, was ich brauche, um glücklich zu sein. Musik zum Beispiel hebt meine Stimmung sofort. Dann singe und tanze ich vor mich hin.“ Ist ihre Stimmung kurzfristig mal gedrückt, „denke ich an die qualvollen Zeiten zurück. Dann geht es mir gleich wieder besser.”
Dass sie als Erwachsene depressiv wurde, so glaubt sie, hat mit ihrer Kindheit zu tun. Sie war elf Jahre alt, als ihr Vater starb, zu dem sie eine enge Beziehung hatte. „Nach seinem Tod machte mich meine Mutter zum Sündenbock für alles. Wenn sie zum Beispiel etwas nicht finden konnte, war ich daran schuld. Dann hieß es: ,Du hast es geklaut.‘“ Erst als Studentin konnte Anna den Tod ihres Vaters betrauern. Die Verarbeitung des Verlustes stürzte die junge Frau in eine Krise. „Ich wurde zum ersten Mal depressiv.“ Anna konnte aber ihr Studium erfolgreich abschließen. Sie verliebte sich in einen Mann und heiratete diesen. Die Ehe hielt jedoch nur eineinhalb Jahre. „Als ich im dritten Monat schwanger war, ließ ich mich scheiden.“
Zwischen Tür und Angel gekündigt worden
Nachdem sie ein Jahr in Karenz gewesen war, fand die Akademikerin eine Anstellung an einer Schule. Sie unterrichtete dort einige Jahre. „Dann wurde ich vom Schulinspektor zwischen Tür und Angel gekündigt. Er sagte zu mir: ,Sie werden sich ja nicht umbringen, Sie haben ja ein Kind.‘“ Der plötzliche Verlust des Arbeitsplatzes hatte zur Folge, dass die alleinerziehende Mutter abermals in einer Depression versank. Eine neuer Job führte sie schließlich nach einem Jahr aus der Krise heraus.
Mittlerweile war Anna wieder mit einem Mann liiert. „Ich ging in diese Beziehung hinein mit der Absicht, mit diesem Menschen alt zu werden.“ Doch die Partnerschaft, aus der ein Kind hervorging, entwickelte sich in eine Richtung, die Anna nicht guttat. „Er fing an, mich psychisch massiv zu missbrauchen. Er war unleidlich, wertete mich ab und demütigte mich. Ich konnte ihm nichts recht machen. Alles, was ich sagte, war falsch. Für alles, was nicht rund lief, machte er mich verantwortlich. Sogar vor den Kindern machte er mich nieder.“ Absichtliche Verletzungen seien an der Tagesordnung gewesen. „Ich habe für uns mit Liebe Spargel gekocht. Das Essen schmeckte ihm aber nicht. Er sagte: ,Die Spargel hast du nicht gut geschält“, bringt sie ein Beispiel.
“Ich habe versucht, alles im Namen der Liebe zu ertragen.”
Anna
Anna wurde in dieser Beziehung sukzessiv zum Opfer. „Ich habe versucht, alles im Namen der Liebe zu ertragen.“ Sie zahlte dafür einen hohen Preis. „Ich wurde wieder depressiv.“ Das ging so weit, dass sie morgens nicht mehr aus dem Bett herauskam und über mehrere Jahre suizidgefährdet war. „Ich habe jeden Tag gehofft, dass mich der Blitz trifft.“ Jeder sonnige Tag war wie eine Ohrfeige für sie. „Wenn man in einer tiefen Krise steckt, ist die Sonne eine Plage, weil sie so unverschämt scheint. Die Sonne tut einem nicht gut, da man sie nicht ins Innere hineinlassen kann. Alles ist verbarrikadiert. Im Innern ist es schwarz und neblig.“
Erst als dieser Mann sich von ihr trennte, besserte sich ihr Zustand allmählich. „Mein Lebenswille kam wieder.“ Anna fand eine neue Arbeit und zog in eine eigene Wohnung. Als ihr diese drei Jahre später aufgekündigt wurde, erlitt sie einen depressiven Rückfall. „Inzwischen geht es mir aber wieder gut.“ Die 54-Jährige schloss sich der Selbsthilfegruppe „Seelenhören“ an, einer Plattform für Frauen, die in ihrer Beziehung psychische Gewalt erleben. „Bis dahin dachte ich, dass ich mit meinen Erfahrungen allein bin. Aber die Frauen erzählen meine Geschichte in anderen Farben.“
Die Selbsthilfegruppe “Seelenhören” trifft sich jeden dritten Mittwoch im Monat um 19 Uhr in der Selbsthilfe Feldkirch (Füranand), Churer Tor 6 in der Altstadt (keine Treffen an Feiertagen). Kontakt: dieseeleverstehen@gmail.com, Tel. 0660/7078172.