Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Ihr habt meine vollste Bewunderung

Vorarlberg / 07.09.2021 • 05:05 Uhr

Gestern fing in Wien die Schule wieder an, wie jeden ersten Montag in September, Schulstart acht Uhr. Ich stand um halb acht auf, machte mir einen Kaffee, ging noch mal eine Viertelstunde ins Bett, dann zog ich mir die Wanderschuhe an und marschierte erstmal mit dem Hund eine ausgiebige Morgenrunde durch den Wald entlang. Und während ich ging, verspürte ich ein intensives Gefühl von Freiheit. In Wien hat die Schule wieder angefangen, und zum ersten Mal seit vielen Jahren betrifft es mich nicht mehr. Beide Kinder haben maturiert, auf Anhieb, vielen Dank, und jetzt sehe ich mir auf Facebook und Instagram aus ziemlicher Distanz die Postings der Mütter und Väter an, bei denen der Schulalltag wieder anfängt, mit all seinen Benefizien und Belastungen.
Ich beschwere mich nicht, die Schulzeit meiner Kinder dauerte insgesamt nur 13 Jahre. Bei einer Lesung in Frankfurt kam ich letzte Woche mit einer Frau ins Gespräch, sie erzählte mir, sie habe vier Söhne, der älteste 30, der jüngste elf. Während sie redete, fing ich an zu rechnen: Vor 24 Jahren schulte sie ihr erstes Kind ein, erst in sieben oder acht Jahren schließt ihr letztes ab. 32 Jahre Schule. Diese Mutter und alle anderen Mehrkind-Familien haben meine vollste Bewunderung – und mein Mitgefühl. (Obwohl ich mich erinnere, wie die Eltern von kleineren Schulkindern an jedem ersten Schultag feiern und frohlocken, dass die großen Ferien vorbei sind, samt ihrem intensiven Betreuungsaufwand.)

„In Wien hat die Schule wieder angefangen, und zum ersten Mal seit vielen Jahren betrifft es mich nicht mehr.“

Und obwohl sich meine Kinder schon seit einigen Jahre selber um ihr Zeug kümmerten, um Schulsachen, Unterrichtsbedarf und Hausaufgaben: Man hatte doch immer die Stundenpläne im Kopf (oder versuchte es, mit wechselndem Erfolg), man stand zwischen sechs und halb sieben in der Früh auf, weil man den Teenagern und ihren fünf Handy-Weckern nicht traute (zu Recht), man weckte sie liebevoll mit Milchkaffee und man schaute, dass sie rechtzeitig aus dem Haus kamen. Man sorgte für warmes Essen nach langen Schultagen und hatte ein Ohr und, wenn nötig, Trost für die mannigfaltigen Probleme, die Schule eben so mit sich bringt: anstrengende Lehrer, total unvorhersehbare Fetzen (wie man in Wien sagt – heißt es im Ländle immer noch Fleck?), endlose Schultage, schwierige Schularbeiten, nervige Mitschülerinnen, man tröstete und motivierte, versuchte Erschöpfung und Müdigkeit und Überforderung irgendwie zu lindern.
Das ist alles erstmal erledigt, die Kinder haben einen ersten Abschluss und keine Schule mehr, und das feiere ich, während ich mit dem Hund durch den Wald marschiere. Allen, die das noch nicht können, wünsche ich einen schönen Start in ein hoffentlich gutes, lohnendes Schuljahr.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.