Afghanen in Vorarlberg blicken sorgenvoll nach Hause

Vorarlberg / 31.08.2021 • 17:40 Uhr
Afghanen in Vorarlberg blicken sorgenvoll nach Hause
Shafiqa Wais war Kinderärztin in Kabul und ist seit vier Jahren hier. Khwaja Nasrat Sediqi flüchtete 2012.

Der Verein der Afghanen hilft Geflüchteten in Vorarlberg und bangt um Freunde in Kabul.

Schwarzach Khwaja Nasrat Sediqi lächelt gequält. “Das ist eine weitere traurige Geschichte”, sagt er und beginnt zu erzählen. Er ist elf Jahre alt, als sein Vater und er Opfer eines Attentats werden. “Ich war schwer verletzt, hatte eine Kugel im Bein, mein Gesicht war verbrannt”, erinnert sich der 23-Jährige. “Mein Vater ist gestorben.” Drei Jahre später, im Jahr 2012, flüchtet er aus Kabul und findet in Vorarlberg ein neues Leben. 2017 folgt seine Mutter. Sie und ihr Sohn haben den Verein “Ariana – Afghanischer Verein zur Unterstützung, Förderung und Integration aller Afghanen und Afghaninnen in Österreich” gegründet. Sie blicken mit Sorge nach Kabul. Was die Taliban-Herrschaft bedeutet, haben sie selbst erlebt.

Kabul hat sich rasch verändert. “Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Taliban das Land so schnell besetzen”, berichtet Shafiqa Wais. Mutter und Sohn waren live dabei. Sediqi schildert: “Mein Bruder ist bei der Armee. Seine Kaserne wurde von den Taliban belagert. In dieser Situation haben wir mit ihm telefoniert.” Die Soldaten hätten nicht gewusst, was die Taliban mit ihnen vorhaben. Sein Bruder konnte flüchten und ist untergetaucht. “Er versteckt sich irgendwo.” Seinen zweiten Bruder hat es schlimmer erwischt. Er sei von den Taliban brutal zusammengeschlagen worden, ihm gehe es schlecht. “Wir vermuten, dass sie wissen wollten, wo unser Bruder ist.”

Keine Haut zeigen

Auch die beiden Töchter von Wais befinden sich in Kabul. Der Mann einer Schwester musste fliehen, der Mann der anderen sei untergetaucht. Was es bedeutet, als Frau ohne Mann unter Taliban zu leben, weiß Shafiqa Wais. “Viele Frauen haben ihre Männer verloren. Sie durften nicht alleine raus und nicht arbeiten.” Draußen war es gefährlich. “Wenn ein Stück des Arms unbedeckt war, wurden sie mit einer Peitsche auf diese Stelle geschlagen.” Sie atmet kräftig durch. Dann fährt sie fort: Sie sei Kinderärztin in einem von Italien finanzierten und betriebenen Spital. Deshalb konnte sie weiterarbeiten. “Die Taliban durften nicht rein. Sie wussten nicht, dass wir Frauen normal bekleidet waren.” Als die Taliban irgendwie davon erfuhren, seien drei Autos vorgefahren. “Sie drangen mit Holzstöcken bewaffnet ins Krankenhaus ein.” Die meisten Frauen konnten fliehen und sich verstecken. Aber drei weibliche Angestellte haben sie erwischt. “Sie haben sie brutal zusammengeschlagen, ihre Kleidung war zerfetzt. Die Taliban haben kein Mitleid. Sie sind eine Katastrophe.”

In Vorarlberg soll Geflüchteten ein neues Leben ermöglicht werden. “Wir wollen allen 2500 Afghanen helfen”, sagt Seqiqi Nasrat. Ariana sei ein kultureller und gesellschaftlicher Verein, Politik und Religion spielen keine Rolle. Der Verein hilft beim Kontakt mit den Behörden und organisiert Sprachkurse. “Wer die eigene Sprache nicht lesen und schreiben kann, tut sich im Deutschkurs schwer”, erklärt er. Der Einzelhandelskaufmann arbeitet derzeit in einem Möbelgeschäft und wohnt in Weiler. Seine Mutter lebt in Feldkirch und war zwei Monate für das Rote Kreuz im Testzentrum in Einsatz. Das ist nun vorbei. Eigentlich hätte ihr ein Bekannter die Arbeitsdokumente schicken sollen. Dann kamen die Taliban.

Schlecht dargestellt

Dass die Politik Afghanen ins schlechte Licht rückt, sei nicht gut. “Wir wissen nicht, warum die österreichische Regierung so ein Problem mit Afghanen hat. Unsere Leute sind fleißig und haben gute Manieren”, betont Wais. Afghanen hätten es nicht einfach. “In Afghanistan herrschte 45 Jahre lang Krieg. In vielen Dörfern gab es keine echten Schulen.” Ihr Sohn ergänzt: “Ich verstehe die Regierung schon ein bisschen. Unsere Leute haben sich zum Teil schlecht präsentiert. Aber ich verstehe auch unsere Leute. Man hat ihnen nie die Chance gegeben, sich richtig präsentieren zu können. Wir sind nicht so, wie wir oft dargestellt werden! Wir haben auch gute Seiten.”

Ariana möchte zwar kein politischer Verein sein, am kommenden Wochenende gibt es aber eine Ausnahme. Am Sonntag um 14 Uhr findet in Bregenz eine Demonstration gegen die Situation in Afghanistan statt. Start ist am Seeparkplatz Denn vielen Afghanen geht es wie Shafiqa Wais und Khwaja Nasrat Sediqi: Sie bangen um ihre Freunde und Verwandte in der alten Heimat.