Lieber nicht das Glas in die Wiese stellen
Eigentlich will ich den Leserinnen und Lesern akut keins der Themen antun, die mich momentan am meisten beschäftigen. Die Bekannten, die sich partout nicht impfen lassen wollen, und der Lockdown Nr. 4, der daraus ziemlich sicher resultieren wird. Die Heerscharen von Nacktschnecken, die nachts jeden Zentimeter meiner Wiese bedecken und immer wieder Späher in mein Sommerhaus vorschicken, die dann die Wände hochkriechen und mal auskundschaften, ob sie auch hier was kahlfressen können. Man klaubt sie angewidert mit einem Papiertuch von der Wand und wirft sie raus.
„Nacktschnecken haben ja nicht mal natürliche Feinde, jetzt außer Laufenten, die wiederum viele natürliche Feinde haben.“
Es ist einer dieser Sommer, wo man abends am Lagerfeuer das Weinglas lieber nicht in die Wiese stellt, aus Erfahrung, und sofort weiß, warum die Freundinnen kreischen, wenn sie gerade vom Liegestuhl in ihre Flipflops steigen wollten. Wenn man nachts durchs Gras geht, gatscht es unter jedem Schritt, wäh, wäh, wäh! Aber darüber wollte ich ja nicht schreiben, und ich hirne, was stattdessen ein gutes Thema wäre, würde dabei gern eine Tasse grünen Tee trinken, finde aber keinen im Vorratsschrank, was entweder daran liegt, dass ich keinen grünen Tee mehr habe oder dass er im Schrank unter anderen Vorräten verschüttet ist, und das wiederum weckt den dringenden Wunsch, diesen Kasten endlich aufzuräumen. Oder Ordnung in die Bettwäschetruhe zu bringen. Oder die Schrauben zu sortieren.
Lauter so Dinge, die man vor sich herschiebt. Jedes Mal, wenn man eine Dose Mais, den Kissenbezug mit den Pril-Blümchen oder eine bestimmte Kreuzschraube sucht, denkt man: Hier gehört dringend mal aufgeräumt, aber ganz dringend. Dann hat man aber immer entweder keine Zeit oder keine Lust, beziehungsweise man hat eben genau dann Lust, wenn man absolut keine Zeit hat. Jetzt wäre so ein Moment. Vielleicht nur ein Schrankfach, das, in dem ich den Tee vermute, okay.
Während ich das Fach ausräume (kein Tee da) und sauber wische, nehme ich mir fest vor, etwas Nettes zu finden, das sich über Nacktschnecken sagen lässt. Es muss was geben. Man will nicht so negativ sein. Viel positiver denken, viel liebevoller, poetischer. Es ist leider praktisch unmöglich. Nacktschnecken haben ja nicht mal natürliche Feinde, jetzt außer Laufenten, die wiederum viele natürliche Feinde haben: Marder, Fuchs und unseren Hund, also wird das nichts. Man wird sich mit den Schnecken arrangieren müssen.
So ähnlich wie mit dem Corona-Virus, das allerdings einen potenten Feind hat, den Impfstoff: Stimmt, er schützt vielleicht nicht hundertprozentig gegen eine Ansteckung – aber sehr hochprozentig dagegen, an Covid zu sterben, und ich finde das einen guten Grund, sich impfen zu lassen.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Kommentar