Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Die falschen Adressaten

Vorarlberg / 04.08.2021 • 09:05 Uhr

Mit geröteten Wangen stapft der Herr, der eben noch zwei Damen aufs Eleganteste ins Konzerthaus geleitet hat, nun ins Kartenbüro, und jeder seiner Absätze trommelt Protest. Wo er doch „seit Jahrzehnten schon zu den Freunden des Festivals“ zählt! Immer wieder flicht er den Namen des Präsidenten ein, mit dem er auf „Du“-Fuß steht. So bläst er dem Mädchen an der Kassa seine ganze Bedeutsamkeit ins Gesicht. Die druckt ihm eilig die Eintrittskarten nochmal aus, die ihm dieser impertinente Mensch am Eingang abverlangt hatte, ihm, ausgerechnet ihm, wo er doch seit Jahrzehnten…

Nun, ziemlich sicher war die junge Dame zu dem Zeitpunkt, als er sich das Opernfestival zur Bühne seines Geltungsdrangs erkor, noch gar nicht auf der Welt. Deshalb kann sie, die ganz offenkundig hier einen Ferialjob verrichtet, auch mit all den klingenden Namen wenig beginnen, die er wie Herolde seines Ansehens in Stellung bringt. Irgendwann sind die Karten dann ausgedruckt. Noch immer lamentierend verlässt er die Wallstatt.

Wie oft kommt es eigentlich vor, dass wir unseren Unwillen an Menschen auslassen, die offenkundig nichts verbrochen haben, sondern einfach nur gerade greifbar sind? An der Kellnerin, die in Bestellungen förmlich ertrinkt, aber den viel zu engen Personalplan kaum verschuldet hat? Am Briefträger, der den Bußgeldbescheid nur zustellt? Oder der Verkäuferin, welche die Rabattaktion kaum eigenhändig zeitlich befristet hat?