Das war wohl ein bisschen übereilt
Kleine Fortsetzung der letzten Kolumne, in der es hauptsächlich um Bäume ging und ein bisschen um Rosen. In dem Text habe ich, weil ich die Bäume nicht beleidigen wollte, behauptet, eine Rose sei kein Baum: Dem hat Leser Kurt H. in einer Mail entschieden widersprochen. „Korrigieren muß ich Sie“, schreibt Herr H., „bei Ihrer Abwertung der Ramblerrosen. Diese können bis zu zehn Meter hoch wachsen, einen Stamm wie einen Baum bekommen und alt werden wie ein Mensch.“ Die mitgelieferten Bilder seiner Rosen sind ein eindrücklicher Beleg meines Irrtums: Die Rosen im Garten von Herrn H. sind tatsächlich Bäume, und falls nicht, gelingt es ihnen, überzeugend so zu tun, als seien sie es, in dem sie sich an großen Bäumen hochwinden und sie so quasi zum Blühen bringen. Sehr schön, sehr eindrucksvoll.
„Ich wohne mehr oder weniger in einem riesigen Gebüsch, das bald über meinem Hüsle zusammenschlagen und es verschlingen wird.“
Ebenfalls fürchterlich geirrt habe ich mich, als ich mich vor ein paar Wochen darüber beschwerte, dass es heuer im Waldviertel aufgrund der Kälte nicht ordentlich wachse. Ich kann jetzt sagen: Das war etwas übereilt, und meine derzeitige Reaktion auf die Wuchsgeschwindigkeit in meinem Garten ist eher: HILFE. Ich bin bald komplett zugewachsen. Ich wohne mehr oder weniger in einem riesigen Gebüsch, das bald über meinem Hüsle zusammenschlagen und es verschlingen wird. In ein paar hundert Jahren wird man es finden, unter Sedimentschichten verschiedener Gewächse, die als harmlose Sträucher anfingen und als dichter Wald aus Mammutlaubbäumen endeten. Dazwischen wuchern mannshohe Brennnesselfelder. Ich will nicht weiter ins Detail gehen, aber es ist beängstigend und kann so auf keinen Fall weitergehen.
Beim Baden traf ich eine Freundin, die ebenfalls einen eigentlich zu großen Garten hat, wobei ich sagen muss, sie hat ihren entschieden besser unter Kontrolle. Wir schicken uns gegenseitig Links zu Gartengestaltungs-Seiten, Akku-Sensen-Systemen und zu Firmen, die schöne Natursteine aus der Gegend verlegen; solche Sachen. Sie redete über Permakultur, und ich war schlagartig fasziniert von einer Gärtnerphilosophie, die auf einen Garten hinausläuft, der wenig Aufwand erfordert und sich mehr oder weniger aus sich selber speist, in dem alles was wächst, verwendet wird, um anderes zum Wachsen zu bringen, und zwar überwiegend mehrjährige, unkomplizierte Pflanzen. Die Idee ist betörend, auch wenn ich im Moment nicht ganz weiß, wie ich mein gigantisches Gestrüpp in etwas verwandeln werde, das annähernd so aussieht wie die Permakultur-Gärten im Internet. Als Erstes werde ich mal mit den Brennnesseln reden und über ihren Rückzug verhandeln, das wird schon.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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