Unkultur der Beschämung
Wird die gesellschaftliche Entwicklung jenseits von Digitalisierung, Globalisierung, Migration und Folgen der Pandemie beobachtet, lässt sich eine unbemerkt sehr kräftig geworden Strömung feststellen: Jene hin zum Abbau der Scham und zur Beschämung der Mitmenschen. Denn hinter der Flut an Skandalberichten, der Radikalisierung der Sprache, den Bösartigkeiten in den diversen Foren, den Sadismen in Castingshows und dem Hass im Internet steht fast immer das Bedürfnis nach Entwertung und Bloßstellung anderer. Für Beschämungstaktiken und -methoden gibt es keine Grenzen mehr. Sie werden im Kleinen wie im Großen eingesetzt, im Kampf gegen Personen und Institutionen, zunehmend auch in der Politik, wo sie die sachliche Auseinandersetzung ein Stück weit ablösen. Nicht nur in Österreich wird dies ja derzeit eindrucksvoll vorgeführt. Im US-amerikanischen Strafvollzug kommt die „reintegrierende Beschämung“ zur Anwendung und in den chinesischen Big Data Projekten dient sie als Sozialisierungstaktik. Die lange Zeit belächelte mittelalterliche Strafe, jemanden an den Pranger zu stellen, feiert fröhlich Urstände, allerdings in viel intensiverer und grausameren Form: Das öffentliche Beschämen über das große Netz erfolgt nicht mit örtlicher und zeitlicher Limitierung, sondern weltweit und möglicherweise auf ewig. Beschämen darf nicht mit Scham verwechselt werden. Denn Scham ist ein allein dem Menschen vorbehaltener Gefühlssensor und ein wichtiger Schutzfaktor, der auf taktvolle Weise den zwischenmenschlichen Austausch reguliert, die Intimität behütet und die Würde bewahrt. Beschämung ist hingegen außengerichtet und aggressiv, sie zielt auf Schuldzuweisung und Entwertung menschlicher Individuen und Gruppen ab. „ Beschämung, nicht Scham, ist das Gift, das Empathie und Akzeptanz tötet“, schreibt der Schweizer Psychiater Daniel Hell in seinem berühmten Buch „Lob der Scham“.
„Für Beschämungstaktiken und -methoden gibt es keine Grenzen mehr.“
Beschämen hat nichts zu tun mit Aufdecken von Missständen und schon gar nicht mit notwendiger und berechtigter Kritik, auf die sich die Beschämer meist berufen. Beschämung ist destruktiv, erniedrigend und exhibitionistisch. Wenn es den Beschämenden schon nicht möglich ist, sich zur Abwechslung auch einmal in die Beschämten hinein zu fühlen, sollten sie sich mit dem Bild auseinandersetzen, das die Persönlichkeitspsychologie von Beschämern zeichnet. Dies ist nicht so toll, wie sie es von sich selbst haben: Sie sind in ihrem Inneren selbstunsicher, komplexbeladen, narzisstisch – und schamlos.
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.
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