Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Der Geschichtenzuträger

Vorarlberg / 02.06.2021 • 13:29 Uhr

Ein Erzählkranz in 10 Teilen, Teil 5

„Was ist denn mit Ihnen, Karl?“, fragte ich. Blass saß er auf dem Sitz im Zug, angespannt, nicht angelehnt.
„Sie werden mich verachten, wenn ich Ihnen das erzähle“, sagte er, „was mir eben geschehen ist. Ich bin ein alter Mann und trotzdem noch so kindisch, immer auf eine neue Liebe zu hoffen.“
Ich nickte ihm aufmutigend zu.

„Mir sind schon etliche vorgegangen und haben das Geschenk abgeholt, von dem ich meinte, es gehöre mir.“

„Also, ich stehe als vorletzter in einer Schlange am Bahnhofsschalter, weil ich eine Vorteilscard brauche. Da dreht sich das Mädchen vor mir um, ein zierliches Mädchen mit hübscher Kurzhaarfrisur. Sie sieht mich an, als kennte sie mich, der Ausdruck in ihrem Gesicht, die Freude, mich zu sehen. Hatte sie Tränen in den Augen? Und mich schaut sie an? Ich war benommen, stand unsicher. Da drängte sich der junge Mann, der hinter mir gestanden war, vor und schloss das Mädchen in seine Arme. Die beiden flogen weg. Sie waren so glücklich, dass ihre Füße sich vom Boden abhoben. Ich hätte schreien mögen, starrte auf die Wiedersehensbegrüßung, nahm den süßen Kuss der beiden wahr, der mir hätte gelten können, wenn, ja, wenn der Meister des Schicksals mich hätte verwöhnen wollen … Sehen Sie, Monika, so ein Übriggebliebener bin ich, blicken Sie nicht auf mich herab.“

„Selbstmitleid steht Ihnen nicht gut, Karl“, sagte ich. „Das passt nicht zu Ihren italienischen Schuhen. Davon werden Sie einsam und starrsinnig.“
„Als ob ich nicht schon einsam wäre!“
„Karl“, sagte ich, „dieser junge Mann kann auch zum Verlierer werden. Wenn ihm seine junge Frau davonläuft, weil sie einen Schöneren gesehen hat, der sich ihm vordrängt. Seien Sie behutsam zu sich, Karl.“
„Ihnen wird das noch nie passiert sein“, sagte er.
„Wo denken Sie hin,“ sagte ich. „Mir sind schon etliche vorgegangen und haben das Geschenk abgeholt, von dem ich meinte, es gehöre mir. Ich will jetzt nicht klüger sein als Salomons Katze. So ist das eben. Jetzt sitzen Sie mir gegenüber, und ich lade Sie zu einem Kaffee ein.“

„Glauben Sie, Monika, es sieht verwegen aus, wenn ich uns einen Cognac bestelle?“
„Gibt es aus dem Speisewagen einen Cognac?“ fragte ich. „Wenn ja, bin ich dabei.“
„Obwohl noch nicht zehn Uhr am Morgen ist?“
„In diesem Fall hat Uhrzeit kein Gewicht“, sagte ich.
Der Speisewagenkellner kam, ein Inder. Er verbeugte sich wie bei einer Zeremonie und servierte.

„Auf dich, Karl“, sagte ich. „Verzeihen Sie, jetzt habe ich Sie geduzt.“
„Das sollten wir beibehalten, wenn Sie gestatten“, sagte er.
„Dann, auf Sie, Karl!“
„Nein, auf Sie.“
„Auf den Zufall.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.