Aus der Geschichte: Die Bludenzer Südtiroler Siedlung

Aktuell wird um den Abriss der Siedlung diskutiert. Schon ihre Errichtung war von Auf und Abs geprägt.
Bludenz Nachdem sich die deutschen und italienischen Diktatoren Adolf Hitler und Benito Mussolini über die Zukunft der Südtiroler verständigt hatten, wurden diese vor die Wahl gestellt, entweder in Italien zu bleiben und sich zu assimilieren oder „heim ins Reich“ zu ziehen. Etwa 85 Prozent der Südtiroler nahmen die zweite Option an und ungefähr 75.000 von ihnen zogen tatsächlich fort. Für diese im offiziellen Sprachgebrauch des Regimes als „Rücksiedler“, allgemein aber als „Optanten“ bezeichneten Migranten mussten neue Wohnungen errichtet werden. Vor allem im Gebiet des heutigen Österreich entstanden daher viele Südtiroler Siedlungen, einige davon auch in Vorarlberg. Um das Siedlungswesen zu organisieren, gründeten die Nazis etliche Bauträger. So berichtete der „Völkische Beobachter“ 1940 über die „Organe der staatlichen Wohnbaupolitik“, zu denen auch die „Alpenländische Heimstätte in Innsbruck für die Reichsgaue Salzburg und Tirol-Vorarlberg“ zählte. Man sei „seit der Gründung vor 80 Jahren“ bemüht, „qualitativ hochwertigen und leistbaren Wohnraum in Tirol und Vorarlberg zu schaffen“, betont das Unternehmen, zu dessen Gesellschaftern heute der ÖGB gehört, auf seiner Webseite.
Dank für die „Treue zum Reich“
Zu den wichtigsten Wohnbauprojekten der NS-Diktatur in Vorarlberg gehörte die Südtiroler Siedlung in Bludenz. Diese wurde 1940 nach einiger Verzögerung in Angriff genommen. Die gleichgeschaltete Presse erging sich in Jubelmeldungen: Man wolle den Südtirolern „wirklich liebenswerte Heimstätten in den Alpen des Reiches“ schaffen. Die Stadt Bludenz akquirierte dafür einige Grundstücke und veranlasste Rodungen im Antoniuswäldchen. „Besonders begrüßt wurde dieser Plan von allen, weil den Südtirolern damit eine Siedlung in herrlicher Lage als Dank für ihre Treue zum Reich geschenkt werden kann“, verlautbarte der „Bludenzer Anzeiger“ vor 81 Jahren. Ganz so idyllisch verlief der Bau angesichts der kriegsbedingten Mangelwirtschaft jedoch nicht. Dem NS-Regime gelang es letztlich nicht, die Anlage fertigzustellen. Dementsprechend stellten auch die Zeitungen die Berichterstattung bald ein. Der Verputz fehlte und die Umgebung war noch nicht planiert worden, da ließ man schon die ersten Bewohner einziehen. Der Endausbau erfolgte erst zu Beginn der Zweiten Republik, teilweise auch durch die Mieter selbst, die in Hunderten Arbeitsstunden Schutthaufen beseitigten.
Tausend Hühner und vier Schafe
Das allgemeine Chaos bei der Errichtung hatte zu teilweise ungeordneten Verhältnissen geführt, wie die VN 1950 berichteten: Die Mietverträge seien „nicht allzu tragisch genommen worden“. Außerdem war man wegen des allgegenwärtigen Lebensmittelmangels zur Selbstversorgung übergegangen. So lebten in der Bludenzer Südtiroler Siedlung 1950 nicht nur 1200 Menschen, sondern auch 1000 Hühner, 100 Kaninchen und vier Schafe. Nicht nur das liebe Vieh, sondern auch eine geplante Mieterhöhung führte zum Konflikt mit der „Alpenländischen“. Diese sah sich zu einer Richtigstellung in den VN genötigt, nachdem die Bewohner der Siedlung die etwa 20-prozentige Zinserhöhung abgelehnt hatten. Es gehe darum, so hielt die Genossenschaft fest, die Kosten für den Fertigbau abzutragen. Tatsächlich war dieser aber gerade erst angelaufen. In der Südtiroler Siedlung fehlten etwa noch immer die Badezimmer. Der Unwille der Mieter, dafür mehr Geld zu bezahlen, führte zum Protest. „Vollkommen unrichtig ist, dass die Alpenländische Heimstätte sofort mit Repressalien geantwortet hätte, indem sie das Streichen der Fensterläden eingestellt habe“, versuchte der Vermieter zu kalmieren. Die Läden würden bald gestrichen und die Häuser verputzt. Über 70 Jahre später wird sich nun entscheiden, ob sie weiterhin stehen bleiben oder abgerissen werden.