Zum ersten Advent: Auf den Spuren der Wüstenväter

Katharina Ceming (50) hat erforscht, was wir von den Profis des Alleinseins lernen können.
Schwarzach, Augsburg Er muss ein knorriger Typ gewesen sein. Lebte vor etwa 1700 Jahren. Er hieß Antonios und war Fellache. So nennen sie im vorderen Orient die Bauern. Das Wort stammt aus dem Arabischen. „Falaha“ heißt „den Boden spalten“. Über 60 Prozent der 100 Millionen Ägypter sind Fellachen. Sie waren zu allen Zeiten und sind es auch heute: politisch machtlos und von den Städtern verachtet.
Wenn Katharina Ceming von Städtern spricht, dann meint sie die Bewohner des hochkultivierten hellenistischen Alexandrien zur damaligen Zeit. Das war die Metropole schlechthin. Der Nil hielt einen schmalen Teil des Landes fruchtbar. Der Rest war Wüste. Eine wirklich furchtbare Wüste. „Dorthin“, erzählt die Augsburger Theologin, „zogen sich die Mörder und Räuber zurück.“ Das ägyptische Totenbuch beschrieb die Wüste als Ort der Dämonen. „Auch junge Menschen, die sich dem Frondienst entziehen wollten, flohen dorthin.“ Katharina Ceming hat das alles nachrecherchiert. Denn sie war einer ganz besonderen Spezies Mensch auf der Spur. Einer Bewegung, zu der Antonios den Anstoß gab. Der Bewegung in die Einsamkeit.
Das Leben wart hart damals. Der Steuerdruck wuchs. In den kleinen Dörfern blühte nur die Armut und Rechtsunsicherheit. Antonios hatte es dabei noch gut erwischt. Zwar war er Analphabet, aber auch Landbesitzer. Ziemlich wohlhabend. Der Bischof von Alexandrien, Athanasius, hat später sein Leben überliefert. Es gibt auch noch andere Quellen. Deshalb können wir davon ausgehen, dass er wirklich gelebt hat.

„Verkauf alles!“
Als dieser Antonios 20 Jahre alt ist, sterben seine Eltern. Sie waren Christen. In der Kirche hört der junge Waise das Bibelwort: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!“ Das ist mit Sicherheit eine der schwierigsten Stellen im Neuen Testament. Sie ist so radikal. Wer will das schon, alles verkaufen? Antonios will. In ihm löst der Text etwas aus. Und er entflieht der ländlichen Misere nicht durch einen Umzug in die Stadt. „In die Stadt zu gehen stand für einen Fellachen nicht unbedingt auf der Agenda“, sagt Ceming. Stattdessen zieht er in die Wüste. Ins Niemandsland. Jahrelang bewohnt er ein Grabmal, dann zieht er in eine verlassene Burg am Wüstenrand, dann ins Gebirge. Immer auf der Suche … ja, wonach eigentlich?
Die Antwort finden wir laut Katharina Ceming in einer fast vergessenen Tradition des Christentums. In der alten Kirche feierte man Weihnachten dreifach – nicht nur als die göttliche Geburt des Christuskindes aus Gott-Vater und die fleischliche aus der Mutter, sondern auch die geistige aus dem eigenen Herzen. Christus kommt im Herzen eines jeden Gläubigen zur Welt, so die Idee. Die Texte, die in der katholischen Kirche am ersten Advent gelesen werden, erzählen von der Ankunft Christi. „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Herr kommt …“ Wie aber soll das gehen? Gottes Geburt in jedem Einzelnen? Und warum lassen Frauen und Männer alles zurück und ziehen in die Wüste, den lebensfeindlichsten Raum, den sie sich vorstellen können? Denn Antonios hat mit seinem Rückzug den Nerv der Zeit getroffen. Hunderte taten es ihm nach. Frauen und Männer. Einfache und Studierte. Ehrbare und Verbrecher. Sie alle zogen in die Einsamkeit, ins Nichts, um ein reicheres Leben zu leben. Wie paradox! Sie glaubten daran, was im Schöpfungsbericht steht, dass der Mensch Gottes Ebenbild ist. Also muss er Göttliches in sich tragen. Dass dieses Göttliche wirksam wird, darauf bereiten sich die Wüstenväter vor.
Ein ganz besonderer Advent
Advent im Corona-Lockdown kann eine ziemlich intime Erfahrung sein. Die Pandemie stößt eine Gesellschaft, die so sehr auf ihr Äußeres fixiert ist, in die Isolation der eigenen vier Wände.
Rückzug heißt das Gebot der Stunde. Das scheint vielen Zeitgenossen eine untragbare Zumutung. Wenn jetzt noch jemand von der Schönheit des inneren Raums (Anselm Grün) erzählt oder vom Reiz des Minimalismus, hält man ihn für völlig durchgeknallt. Andererseits ist fernöstliche Reduktion lange schon ein Trend der oberen Zehntausend. Japanische Zen-Gärten dürfen in keinem Lifestyle-Magazin fehlen. Wer auf sich hält, meditiert. Ist also vielleicht doch etwas dran an der Selbstbeschränkung? Die Wüstenväter suchten danach. „Ich und Gott allein“, hieß das Ziel. Die vierteilige VN-Serie zum Advent zeigt, was wir von den Profis des Alleinseins lernen können.
Ab in die Wüste! Die Theologin und Philosophin Katharina Ceming (50) arbeitet als freiberufliche Publizistin, Dozentin und Beraterin in Augsburg. Sie ist verheiratet und Mutter eines Sohnes. In ihrem Buch „Ab in die Wüste!“ setzt sie sich mit den Wüstenvätern auseinander. Die gebundene Ausgabe (160 Seiten) ist 2013 bei Kösel erschienen. Preis 17,50 Euro.