Warum laut Psychiater Haller die Coronadisziplin nachlässt

Reinhard Haller erklärt im VN-Gespräch die Gründe der sinkenden Corona-Disziplin.
Schwarzach Die Cornakrise nimmt an Schärfe wieder dramatisch zu, die Disziplin vieler Menschen ab. Diese Tatsache bereitet vielen verantwortlichen Ärzten, Experten und Politikern Sorgen. Psychiater Reinhard Haller (69) interpretiert dieses Verhalten als Egozentrik, die er persönlich verurteilt. Seine Kritik an der Politik: Es fehle national und international ein gemeinsames entschiedenes Handeln, verbunden mit klaren und allgemein gültigen Regeln.
Was macht eine so lange Ausnahmesituation mit der Psyche von Menschen?
Sie verursacht Verunsicherung und Ungeduld. Viele Menschen können nicht einschätzen, wie gefährlich oder ungefährlich die Lage ist. Die Fragen häufen sich: Wie entwickelt sich alles weiter? Wie lange geht es noch? Welche Schutzmaßnahmen machen Sinn, welche nicht? Vor allem junge Leute begehren auf gegen die Einschränkungen. Sie wollen sich nicht mehr in ihrem Freiheitsdrang und ihren Rechten beschneiden lassen. Zu allem Überdruss kann derzeit auch die Wissenschaft keine klaren Antworten auf die Krise liefern.
Warum nehmen es viele Menschen mit der Einhaltung der Regeln immer weniger genau?
Je länger solche Regeln aufrecht bleiben, desto weniger werden sie eingehalten. Für viele Leute hat das Virus an Schrecken verloren. Sie glauben, es ist nicht so gefährlich. Es kommt, vor allem bei Jungen, ein Gefühl von Gleichgültigkeit auf.
Was müsste passieren, dass man wieder zu alter Disziplin zurückkehrt?
Ich denke, es bräuchte national und international eine gemeinsame Strategie. Der Kampf gegen Corona sollte nicht politisch bestimmt sein. Es darf keine politische Entscheidung sein, wie die Umschaltung der Ampel erfolgt. Es braucht Glaubwürdigkeit und einfache allgemein verbindliche Botschaften und Regeln. Das war bei Ausbruch der Krise bei uns der Fall. Die Politik hat entschlossen und gemeinsam gehandelt, die Zustimmung war groß. Das fehlt derzeit.
Welchen Einfluss auf den Umgang mit dem Coronaproblem spielt die Jahreszeit? Ist diese Krise im Sommer leichter zu verkraften als im Herbst?
Ja. Der Herbst ist die Zeit der Depression. Wir wissen, dass 60 Prozent der Depressionen in dieser Jahreszeit ausbrechen. Bereits bestehende Störungen werden im Herbst verstärkt. Von daher ist die psychische Belastung derzeit größer als etwa im Sommer.
Muss man da nicht Angst vor dem Winter haben?
Die Hochsaison des Ausbruchs einer Depression geht vom Herbst bis Weihnachten. Von Jänner bis März verbessert sich die Situation. Das hat auch mit den Festen zu tun. Während in der kritischen Zeit Feste im Zusammenhang mit Tod eher im Mittelpunkt stehen, nehmen ab Jänner die fröhlichen Anlässe wieder zu – denken wir nur an den Fasching.
Was würden Sie jemandem raten, der Ihnen ob der gegenwärtigen Situation seine Verzweiflung gesteht?
Ich würde auf die positiven Dinge verweisen, die es ja auch in dieser Zeit gibt. Und ich würde verdeutlichen, dass diese Zeit vorüber geht. Man sollte sich schon klar darüber werden, dass es kaum einen besseren Ort gibt, Corona auszuhalten, als hier bei uns. Wir haben trotz all der Einschränkungen noch viel Freiraum, und wir haben ein gut funktionierendes Gesundheitssystem. Ich würde dazu raten, die neuen Möglichkeiten der Kommunikation zu nützen. Vor allem bei älteren Personen gibt es da oft einen Aha-Effekt, wenn sie drauf kommen, was diesbezüglich alles zur Verfügung steht. Natürlich soll man auch ohne Scheu psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, wenn das notwendig ist.
Warum kommen Kinder mit der Coronakrise viel besser zurecht als Erwachsene?
Weil sie viel anpassungsfähiger sind als Erwachsene. Alle Studien belegen das. Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen. Nicht alle Kinder haben dieselbe Nestwärme und genießen dieselbe Sicherheit. Das hängt auch vom Millieu ab.
Wie erklären Sie die massiven Widerstände gegen die Coronamaßnahmen, die bis zur Leugnung des Problems gehen?
Da gibt es den Drang, für sich selbst entscheiden zu wollen, sich nichts vorschreiben zu lassen. Vielfach sind egozentrische Motive für eine solche Haltung verantwortlich. Da heißt es nur: ich, ich, ich. Solche Einstellungen passen irgendwie in unsere Zeit. Und dann gibt es die Verschwörungstheoretiker, die sicher nicht mehr als ein bis zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Für deren paranoide Persönlichkeitsstruktur ist Corona natürlich das ideale Feindbild.
Was macht Ihnen persönlich in dieser Zeit am meisten zu schaffen?
Die Verunsicherung. Ich habe geglaubt, das Problem läuft im Sommer langsam aus. Da habe ich mich getäuscht. Ich habe auch Mitleid mit den Kulturschaffenden und der Tourismuswirtschaft. Ebenfalls sorge ich mich wegen der alten Menschen und dem Umgang mit ihnen.