Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Eigenverantwortung

Vorarlberg / 17.10.2020 • 06:59 Uhr

Was Regierungskreise unter Eigenverantwortung verstehen, hat Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) gerade augenzwinkernd, aber überzeugend dargelegt: Sie ließ verkünden, dass ihr zweijähriger Sohn der Jungen ÖVP beigetreten sei. Kaum zu glauben, dass er das wollte; und wenn, dann hätte er vor sich selbst geschützt werden müssen. Es ist wohl eher so, dass sich Köstinger einfach nur für eine PR-Aktion einspannen ließ. Gut möglich, dass der Sohnemann in 20, 30 Jahren darüber lacht. Nicht auszuschließen aber auch, dass er revoltiert; vor allem, wenn er im Rahmen seiner Entwicklung eine ganz andere Richtung einschlagen möchte. Andererseits: Köstingers Parteikollege, ÖVP-Klubchef August Wöginger, würde einschreiten: Wer in seinem Haus schläft und isst, hat die Volkspartei zu wählen, ließ er im Herbst 2019 wissen. Und das war ernst gemeint.

„Eigenverantwortung wäre auch in der Coronakrise gefragt. Bei den Voraussetzungen hapert es jedoch.“

Zu einem aufgeklärten Menschenbild würde es gehören, eine Persönlichkeit von Geburt an zu respektieren und Eigenverantwortung zu fördern. Auch wenn am Ende etwas herauskommt, das einem missfällt.

Eigenverantwortung wäre auch in der Coronakrise gefragt. Anfangs fehlten jedoch zwei Grundvoraussetzungen zur Gänze: Information und Erfahrung. Also konnte man sich nur darauf verlassen, was z. B. der Kanzler sagte: dass bald jeder jemanden kennen wird, der am Virus verstorben ist. Von daher war es einfach nur vernünftig, zu Hause zu bleiben.

Wie soll das gehen?

In weiterer Folge hieß es plötzlich, dass jetzt alle eigenverantwortlich sein dürften. Ein bisschen war das möglich. Zu vieles machte es jedoch weiter schwer: Die „Stopp Corona“-App konnte ihren Zweck nicht erfüllen; sie wurde vernachlässigt. Schlichte Hinweise für den Alltag, die über „Abstand halten, Hände waschen und Maske tragen“ hinausgehen und nur aus Asien kopiert werden müssten? Fehlanzeige. Die Ampel? Leider ein Fehlstart. Und überhaupt: Gewisse Begriffe sind nach wie vor unfassbar. Wer Pech hat, wird „abgesondert“. Das klingt schon so stigmatisierend, dass sich hoffentlich eh niemand wundert darüber, dass sich immer mehr Leute nicht testen lassen wollen.

Wo hätte sich hier Eigenverantwortung entwickeln sollen? Zunächst gab es ausschließlich Bevormundung, dann das glatte Gegenteil davon: Das ist so, als würde man zu einem Zweijährigen von heute auf morgen sagen, er solle sich selbst anziehen und allein in die Kinderkrippe gehen. Ist doch klar, wie das ausgeht.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.