Herzlos
Frau Ammann, die Leseratte, hat mir ein hoch interessantes Buch zum Emsbach mitgebracht. Der Autor, Michael J. Sandel, ist Amerikaner und einer der anerkanntesten Moralphilosophen unserer Zeit. In seinem neuesten Werk „Vom Ende des Gemeinwohls“ liefert er eine frappierende Analyse westlicher Gesellschaftskultur, die schon im Untertitel ein beklemmendes Statement setzt: „Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt!“ Er liefert dabei ein plausibles Erklärungsmodell für den weltweiten Vormarsch populistischer Politiker und deren salopper Herzlosigkeit.
Tyrannei der Leistung
Eines gleich vorweg – es geht hier nicht um eine Verteufelung des Leistungsprinzips, sondern um dessen Relativierung. „ So inspirierend das Leistungsprinzip auch sein mag – es kann eine tyrannische Wendung nehmen“, schreibt Sandel und stellt damit die Prämisse, dass eine gerechte Gesellschaft immer eine Leistungsgesellschaft sein müsse, durchaus infrage. Seine Analyse bezieht sich zwar speziell auf die amerikanische Gesellschaft, aber die Prinzipien seiner These treffen in abgemilderter Form auch auf Europas Systeme zu.
„Inzwischen wissen wir ja, daß eine neoliberale Agenda nicht zu mehr Wachstum führt.“
Das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ sagt Frau Ammann, entspräche nur dann der Wahrheit, wenn am Beginn der Reise jeder die selben Chancen vorfände. Eine Hochbegabte, die in den Slums von Rio oder in den Banlieues von Paris geboren wird, hat völlig andere Karrierevoraussetzungen als das hochbegabte Kind einer hiesigen Unternehmerfamilie. Ein erfolgreiches Leben hängt also nicht nur von Talent und eigener Leistung ab, sondern auch vom „ Los“, das wir gezogen haben: Herkunft, Begabung, Rasse, Hautfarbe usw.
Glück und Zufall
Allein das Wort Los „weist über Leistung und Wahl hinaus auf das Reich von Glück und Zufall”. Inzwischen wissen wir ja, dass eine neoliberale Agenda nicht zu mehr Wachstum führt, sondern durch Deregulierungen und Wildwuchs der Märkte zu mehr Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Die soziale Mobilität wurde dadurch entsprechend eingeschränkt, der amerikanische Traum hat sich längst in Luft aufgelöst und zurück blieb die Masse derer, die beim Aufstieg an sich selbst und am System gescheitert sind, nicht zuletzt aufgrund ungleicher Startbedingungen.
Deshalb Sandels Forderung nach mehr Demut der Erfolgreichen, mehr Solidarität und vor allem mehr Chancengleichheit, „denn sie ist ein moralisch notwendiges Korrektiv für Ungerechtigkeit”. Und wir sollten niemals vergessen, dass wir alle Teil einer „Schicksalsgemeinschaft“ sind. Ein empfehlenswertes Handbuch für jeden Politiker.
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.
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