Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Kommentar: Wildwest

VN / 03.02.2026 • 06:00 Uhr

Mit der 1787 nach der Unabhängigkeitserklärung geschaffenen Verfassung waren die Vereinigten Staaten von Amerika weltweit der Leuchtturm eines demokratisch organisierten Staatswesens. Das ging sogar so weit, dass sich die Schweiz 1848 bei ihrer Staatsgründung in wichtigen Punkten die amerikanische Verfassung zum Vorbild nahm. Lange Zeit galten die USA als Garant für Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Gleichberechtigung, auch wenn diese noch bis vor wenigen Jahrzehnten von der richtigen Hautfarbe abhängig war. Spätestens seit dem Kriegseintritt gegen Nazi-Deutschland sah sich Amerika als weltpolitische Ordnungsmacht, was neben verdienstvollem Engagement auch zu erschreckender Gewalt wie z.B. in Vietnam führte.

Seit der Präsidentschaft von Donald Trump fühlt man sich zeitweise in einen Wildwestfilm versetzt. Dabei nehmen sich die USA einen Freibrief für die gewaltsame Durchsetzung ihrer Interessen heraus. „Ich brauche kein internationales Recht“ antwortet Trump auf Kritik an seinem völkerrechtswidrigen Eingreifen in Venezuela, das er übrigens ähnlich wie Putin hinsichtlich der Ukraine begründet – allerdings mit dem wichtigen Unterschied, dass dort die Bevölkerung jahrelang mit roher Gewalt terrorisiert wird. Mit einem Federstrich streicht er wie ein absoluter Monarch die Mitwirkung der USA in zahlreichen internationalen Organisationen wie z.B. der Weltgesundheitsorganisation WHO und der UNESCO, einer wichtigen weltweiten Bildungs- und Kulturorganisation. Und die missliebige UNO will er mit einem eigenen Friedensrat (Präsident auf Lebenszeit: Trump) aushebeln.

Aber nicht nur gegenüber dem Ausland kehrt Trump den Grobian und die beleidigte Leberwurst wegen Vorenthaltung des Friedensnobelpreises (für was eigentlich?) heraus. Auch innenpolitisch verantwortet er eine tiefgreifende Spaltung der Gesellschaft, eine Aushöhlung der Gewaltenteilung und Gewaltexzesse staatlicher Sicherheitskräfte. Es wird spannend, wie die Bevölkerung der USA bei den im November stattfindenden Zwischenwahlen (unter anderem eines Großteils des Parlaments) reagieren wird. Um bei den Westernfilmen zu bleiben: Meistens siegt dort am Ende doch noch das Gute. Hoffentlich ist das auch in der amerikanischen Realität so.