Derya und ihr Seelenschmerz aus der Kindheit

Derya (37) verbrachte die ersten zwei Lebensjahre bei Pflegeeltern. Dann holten die leiblichen Eltern das Kleinkind zu sich. Die Trennung von der Pflegemama erschütterte das Mädchen tief.
Lauterach/Bregenz Mit 37 hat man schon einiges mitgemacht im Leben. Bei Derya zum Beispiel zerbrachen bereits Partnerschaften. Das verkraftete sie nur schwer. Denn: „Wenn ich merke, dass etwas zu Ende geht, dann bricht für mich eine Welt zusammen.“ Derya hat sich gefragt, warum das so ist. Inzwischen weiß sie, dass dies mit ihrer Kindheit zusammenhängt. Ihr passierte das Schlimmste, was einem Kind widerfahren kann: „Ich wurde von meinen Eltern getrennt, als ich klein und hilflos war.“
“Derya war für mich wie ein eigenes Kind. Ich habe sie geliebt wie meine drei Kinder.”
Pflegemama Marianne
Derya ist die Tochter eines türkischen Gastarbeiterehepaares. Dieses kam in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Vorarlberg. „Meine Eltern wollten sich hier ein neues, besseres Leben aufbauen.“ Deshalb gingen beide arbeiten. „Sie haben bei einer großen Firma in der Produktion gearbeitet.“ Ihre zweite Tochter Derya kam 1983 zur Welt. Sie beschlossen, auch diese Tochter in eine Pflegefamilie zu geben. „Mit acht Wochen brachten sie mich zu meinen Pflegeeltern Marianne und Klaus.“ Derya war zweieinhalb Jahre in der Obhut ihrer Pflegeeltern. „Ich hatte es dort schön und dachte, dass Marianne meine Mama ist.“ Diese bemühte sich, dem Pflegekind eine gute Mutter zu sein. „Ich habe Derya mit ins Bett genommen und sie gehätschelt. Sie war für mich wie ein eigenes Kind. Ich habe sie geliebt wie meine drei Kinder.“

Das Wohlergehen Deryas war auch ihren leiblichen Eltern ein Anliegen. Deshalb kamen sie alle zwei Wochen auf Besuch, um zu sehen, wie es ihrer kleinen Tochter geht. „Nach zweieinhalb Jahren wollten sie Derya zurückhaben. Ich musste das Kind abgeben, obwohl ich es gerne behalten hätte“, erzählt Marianne und zeigt ein Foto her, das sie mit der kleinen Derya in enger Umarmung zeigt. Der Tag der „Übergabe“ ist beiden noch in schmerzhafter Erinnerung. „Als ich ging schrie Derya: ,Mama, Mama“, vergisst Marianne (heute 70) diese traurigen Momente nie mehr. Auch bei Derya hat sich dieser dunkle Tag ins Gedächtnis eingebrannt. „Ich war tieftraurig und habe geweint.“
Kein Abschied für immer
Aber es war kein Abschied für immer. „Ich habe Derya alle zwei bis drei Wochen übers Wochenende zu mir geholt“, berichtet Marianne. Die Pflegemutter wollte den Kontakt auf keinen Fall abreißen lassen und die Herzensbande erhalten. Derya erinnert sich, „dass ich jedes Mal weinte, wenn ich zu meinen Eltern zurück musste. Ich fühlte mich hilflos und hin- und hergerissen.“ Mutter und Vater waren ihr fremd. „Ich sehnte mich immer nach Mama.“ Mit der Zeit gewöhnte sich das Kind an die neue Situation. „Aber innerlich war ich verwundet. Diese Wunde tut heute noch weh.“ Das Kind verdrängte den Schmerz über die Trennung von seiner Mama. „Aber mittlerweile ist er schon ein paar Mal hochgekommen. Deshalb reagiere ich auf manche Sachen und Lebenssituationen so heftig und sensibel.“
Derya verstand lange nicht, warum die leiblichen Eltern sie weggaben. „In der Pubertät verurteilte ich sie deswegen.“ Heute sieht sie es etwas anders. „Meine Eltern haben in Vorarlberg bei null angefangen. Sie wollten uns Kindern etwas bieten und haben deshalb so viel gearbeitet.“ Dafür ist Derya ihren Eltern immens dankbar. „Ich liebe sie über alles. Sie sind meine Welt.“ Aber ihre ehemalige Pflegemutter steht bei ihr auch hoch im Kurs. „Ich nenne sie immer noch Mama. Sie war immer für mich da, wenn ich sie brauchte“, sagt die 37-Jährige und nimmt Marianne spontan in die Arme. So eine liebevolle und verantwortungsbewusste Pflegemama hätte Derya ihrer Schwester auch gewünscht. Doch diese kam als Baby in die Hände einer Frau, die sie in den vollen Windeln darben ließ.