Kunst
Rettet man einen einzigen Künstler, rettet man die Kunst.
Ich war mit meinem Mann in einem feinen Haus eingeladen. Die Hauptrolle spielte ein Kätzchen, gerade eine Woche alt, sein Flaumfell in zartem Grau. Es versteckte sich unter dem Tisch, alle Anwesenden gingen in die Knie, um es anzuschauen. Mit einem Stückchen Lachs ließ es sich locken. Sein Schwänzchen zeigte in die Höhe.
Im Salon hing ein Gemälde, das mir außerordentlich gefiel. Es stellte eine Gruppe von Menschen in bunten Kleidern dar, die Gesichter angedeutet. Ich fragte den Hausherrn nach dem Künstler. Folgende Geschichte erzählte er:
„Die Preise hatte der Künstler mit 20 Dollar pro Bild angesetzt. Zwei Nullen dazu, sagte der Mann, die Käufer sind reiche Leute.“
Ein zivilisierter Mann in Anzug und Krawatte sah in einem armen Land ein Bild, das ihm sehr gefiel. Es war an einem Werktag, der Himmel ohne Sonne. Das Bild hing in einem Schaufenster. Er trat in das Geschäft und erkundigte sich.
Die Frau erzählte ihm, das Bild habe ein mittelloser Künstler gemalt, sie könne ihm den jungen Mann vorstellen, er wohne auf einer Treppe in der Universität.
Auf einer Treppe? Und wirklich, die Frau führte den Mann Stufen hinauf bis zum Dachboden, davor waren eine Lagerstätte, eine Matratze, eine Staffelei, Farben und der Geruch von angebrannter Milch. Der Künstler war noch sehr jung, und er war erstaunt über das Interesse, das ihm der zivilisierte Mann entgegenbrachte. Er konnte es nicht glauben. Der Mann sagte zu dem Künstler, wie sehr ihm das Bild im Schaufenster gefallen habe und fragte, ob er noch mehr von seiner Kunst sehen könne. Ein paar Bilder lehnten an der Wand in dem Verschlag, allesamt von Wildheit und Talent. Für eine Ausstellung sei das zu wenig, sagte der zivilisierte Mann.
Der Künstler sagte, schnell hätte er einige Bilder gemalt. Viele seien in seinem Kopf. Wie viele denn gewünscht wären.
Zwanzig wären ideal, sagte der Zivilisierte.
Der Künstler hat geliefert, der Mann hat Wort gehalten. Es würde eine Ausstellung geben. Was vonnöten war: Der Künstler musste neu eingekleidet werden. Nicht übertrieben, aber doch einigermaßen. Die Frau des zivilisierten Mannes suchte nach Kleidung. Ihr Mann hatte eine ähnliche Statur. Sie ließ dem Künstler ein Bad ein, legte einen Bademantel zurecht. Seine Haare wollte er partout nicht frisiert haben, er hatte Angst, sich selbst nicht wiederzuerkennen.
Die Preise hatte der Künstler mit 20 Dollar pro Bild angesetzt. Zwei Nullen dazu, sagte der Mann, die Käufer sind reiche Leute.
Tatsächlich wurden auf dieser Ausstellung alle Bilder bis auf ein einziges – das jetzt im Salon des Mannes hing – gekauft.
Sehr viel Geld für einen armen Mann.
„Und was ist aus ihm geworden?“, fragte ich.
„Er ist verheiratet, hat Kinder und will sich neu erfinden.“
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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