Sommerserie: Schicksal 10
Ein verfahrener Karren. Betrogene Frauen. Ein Mann, der sich nicht entscheiden will.
Kitti fand den Brief mit ihrer Kündigung auf dem Schreibtisch. Noch im Pyjama las sie: „Wir müssen unser Dienstverhältnis ab sofort beenden. Zahlungen auf Ihr Konto erfolgen bis zum Monatsende.“ Unterschrieben von Hannah, der Frau ihres Liebhabers. Kitti wusste, was in diesem Fall mit Dienstverhältnis gemeint war.
Ihr wurde flau. Sie floh aus dem Büro, aber wohin? Lief nach Hause wie damals als Schulkind. Die Mutter öffnete.
„Du?“
War sie erschrocken? Freute sie sich?
„Sie floh aus dem Büro, aber wohin? Lief nach Hause wie damals als Schulkind.“
Kitti stürmte an ihrer Mutter vorbei, hinauf in ihr Zimmer. Was sie da sah, wollte sie nicht glauben. Ihr ehemaliges Zimmer, zugegeben, oft zugemüllt, aber immerhin ihr Zimmer mit den blassrosa Vorhängen, war zu einem Fitness-Raum umgestaltet worden. Sie weinte nicht, sie schrie nicht, rannte wieder an ihrer Mutter vorbei, hinaus auf die Straße.
Die Mutter rief ihr hinterher: „Wir konnten ja nicht wissen, dass du …“
Wieder saß sie auf dem Spielplatz, auf der Schaukel. Zwei verschleierte Türkinnen sahen ihren sandspielenden Kindern zu.
Kitti rief ihren Vater an: „Papa …“ Sie konnte nicht sprechen, schluchzte ins Telefon.
„Wo bist du?“, flüsterte der Vater. „Ich hole dich, bleib, wo du bist.“
Er sagte einem Kollegen, es sei dringend.
Er hob seine Tochter von der Schaukel, trug sie ins Auto, fuhr aber nicht los. Lange saßen sie. Er würde mit der Mama reden. „Im Grunde ist sie froh.“ Beide seien sie glücklich. Vorausgesetzt, Kitti würde sich bemühen, nicht mehr der Mutter nachmaulen, Ordnung halten. Kitti nickte.
Zu Hause saß die Mutter auf der Treppe, sie hatte einen Verbandskasten neben sich und verarztete ihren blutenden Fuß.
Als Kitti aus dem Haus gelaufen war, hatte sie, kurz entschlossen, damit angefangen, barfuß, die Fitnessgeräte aus dem Zimmer zu schieben. Eine Hantelscheibe, zehn Kilo schwer, war ihr auf den Fuß gefallen. Sie wollte für ihre Tochter ein gemütliches Zimmer einrichten. Aber wie? Der Teppich war fleckig, so schäbig die Wände. Alles müsste neu gemacht werden. Und dann? Würde Kitti wieder brav sein wie ein Schulkind? Sicher nicht. Sie müssten sich beide unendlich Mühe geben, Mutter und Tochter. Konnte sie das?
„Papa“, sagte Kitti „fahr Mama ins Spital, der Fuß muss geröntgt werden.“
„Fahr du auch mit, Kitti“, sagte die Mutter.
Das tat sie.
ENDE
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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