Warum erst jetzt?
Die verkohlten Überreste von Moria nähren die hasserfüllte Debatte, die nur mehr zwischen dümmlichen Gutmenschen und herzlosen Zynikern unterscheidet. Wir streiten um die Aufnahme der Kinder, und man fragt sich: Warum erst jetzt? Seit Oktober 2015 lebten zeitweilig bis zu 20.000 Menschen in den Flüchtlingslagern auf Lesbos. Platz wäre für 2800 gewesen.
Wieder reagieren wir auf Bilder. So, wie auf das Foto des zwei Jahre alte syrischen Buben, der im September 2015 ertrunken an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmt wurde. Wie damals verheddert sich die Debatte in Details von Schuld und Glaubwürdigkeit. Wie damals taugen die Bilder für eine Erschütterung des Augenblicks, mehr nicht.
Die menschenunwürdigen Lager vor den Toren Europas werden weiter existieren, weil wir das Elend abstrahiert haben, so wie man heute abstrakt liebt und sich via Mausklick trennt oder tötet und dann die Bilder der Drohne betrachtet. Und doch handelt Europa konkret: Es fürchtet den Terrorismus und schafft Orte der Hoffnungslosigkeit. Es stöhnt über die ineffizienten Länder des Südens und bürdet ihnen die Last auf. Darüber hätten wir reden sollen, lange schon.
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