Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Okay, dort trifft es sich nicht ganz exakt

Vorarlberg / 08.09.2020 • 11:00 Uhr

Der Herbst ist da, jedenfalls hier in Wien. Man merkt es daran, dass man keinen Parkplatz mehr bekommt, und wenn man im Baumarkt weißen Lack, Schrauben und ein paar Regalbretter sucht, trifft man auf kleine Grüppchen junger Menschen, die vor Regalen mit Baumaterial und Küchenzubehör in allen Dialekten des Landes diskutieren. Auch auf vorarlbergerisch: Bruuchamar des ned oh dazua? Die Uni fängt bald wieder an und die neuen Studierenden richten ihre Wohnungen und WG-Zimmer ein. Jetzt lieber nicht ins schwedische Möbelhaus fahren, wo sie ihren Eltern die letzten Brösel aus dem Börsel leiern und über Stilfragen diskutieren, weil die Mutter findet, wenn sie es schon zahlt, darf sie auch bei der Einrichtung mitreden. Aber ich will keine Vorhänge, Mama!

„Auch auf vorarlbergerisch: Bruuchamar des ned oh dazua?

Die Frau an der Kassa hat mich gefragt, was ich umgottswün mit solchen Brettern will. Dass sie sich das immer fragt, warum die Leute solche Bretter kompliziert heimzahrn und damit ewig herumbasteln, wo man doch im Möbelhaus preiswert ein fixfertiges Regal kaufen kann. Ich erklärte ihr, dass ich ein Überkopfregal (so heißt das. Nicht „so ein Bücherregal unter der Zimmerdecke“, sondern „Überkopfregal“. Der Schriftsteller Stefan Kutzenberger, der Heimwerken hasst, aber die guten Wörter kennt, hat´s mir erklärt) in ein neues Zimmer exakt einpassen will, und sie hat genickt und „aha“ gesagt, aber ihre Augen haben mich verspottet. Egal, das Regal ist schön geworden, und ich hab´s mit diesen Händen geschaffen, hab die Bretter eingepasst, in die richtige Länge gesägt, lackiert und ohne allzu grobe Fehler montiert, und ab jetzt werde ich mich jedes Mal, wenn ich es anschaue, darüber freuen.

Der Freund, mit dem ich die Wand für das neue Gästezimmer gebaut habe, aus Holzbalken und Täfer, wird zwar mit dem Finger auf die Eckverbindung zeigen und sagen „hallo?!?“. Weil, okay, dort trifft es sich nicht ganz exakt, und wenn er und seine japanische Säge noch da gewesen wären, hätte er´s besser gemacht, so wie er, das habe ich sehr bewundert, in aller Ruhe ganz zenmäßig und gelassen eins nach dem andern machte, und wenn´s nicht passte, dann nochmal. Das möchte ich auch können, das habe ich sehr bewundert, als alte Hudlerin, die alles immer gleich fertig haben und einrichten will; so wie die Frau aus der Dokuserie „Die Gutshausretter“, die schon einen antiken Tisch in die eben gekaufte Ruine stellt, während ihr Mann hinter ihr noch mit dem Hammer eine Zwischenwand kaputthaut. (Kann man sich auf Youtube anschauen, höchst empfehlenswert, für Heimwerker und für die, die es hassen.) Aber bitte, ich habe jetzt ein neues Gästezimmer mit einem Überkopfregal, der Herbst kann kommen.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.