Willst du nicht doch etwas essen?
Am Wochenende hab ich dem Krüger ein paar Fotos vom Land gewhatsappt, darunter auch ein Bild von meinen Tomaten, die ich heuer erstmals vor Ende September ernten und essen kann, weil das Waldviertel halt normal nicht Süditalien ist. Diesmal habe ich die Tomaten aber selbst gezogen, mit den Samen der mütterlichen Ländle-Tomaten dazu ein paar Justens Gelbe und einige Dattelwein, und als die Mutter irgendwann schrieb, der Mond sei jetzt gut, habe ich nicht gesagt: Aber es ist doch erst Februar! Sondern ich habe brav die Samen in die Anzuchterde gesteckt, in der jeder einzelne bald keimte, und Ende April haben die Pflänzchen in ihren Joghurtbechern wie wild zu blühen angefangen, waren schon einen guten halben Meter hoch und kippten ständig um. Also habe ich mich entschlossen, sie noch vor den Eisheiligen in großen Tontöpfen ins Freie zu entlassen, allerdings in einem gut abgedichteten Gehege als alten Fenstern und Abdeck-Planen. Und das bereue ich jetzt nicht, denn ich esse mich an Tomaten satt, während Kollege F. aus Wels meldet, bei ihm sei noch „alles im grünen Bereich“, und vom sonnigen Rand des Wienerwalds berichtet Freundin H. neidvoll Adäquates.
„Und diese Tomaten, jedenfalls die meisten davon, haben überhaupt Ländle-Hintergrund, also bitteschön.“
Jedenfalls zeige ich dem Krüger stolz meine erste leuchtend rot-gelbe Tomaten-Ernte, und das einzige, was er dazu zu sagen hat, ist, dass man in Österreich Paradeiser sagt und nicht Tomaten, und das solle ich gefälligst endlich einmal kapieren. Ich glaube, ich habe es hier schon einmal erwähnt, dass einem in Wien permanent goschert übers Maul gefahren wird, wenn man es wagt, in Wort oder Schrift das Wort „Tomate“ zu verwenden: In Österreich sagt man Paradeiser!, heißt es dann. Sagt man gar nicht, erwidere ich darauf stets, da wo ich herkomme, hinter dem Tunell, sagt kein Mensch Paradeiser, dort heißt es Tomate, und das ist auch noch Österreich, nur um das kurz klarzustellen. Es heißt auch DER Butter, DAS TunELL, mit Betonung auf der letzten Silbe, und der STUHL, dankeschön. Und diese Tomaten, jedenfalls die meisten davon, haben überhaupt Ländle-Hintergrund, also bitteschön. Vor allem aber mache ich mir jetzt eine schöne Caprese, Krüger, und du nicht, also schmecks.
Apropos Essen, da wo ich herkomme, ist es nicht möglich, einen Freund meiner Teenager, der mit am Esstisch sitzt, nicht dreimal zu fragen, ob er nicht doch was von der Caprese will. Nein, danke, ich habe schon gegessen. Bist du dir sicher? Ja, danke! Aber es ist wirklich genug da, willst du nicht doch was? Nein, wirklich, ich habe überhaupt keinen Hunger. Erst nach der dritten klaren Absage kann eine vorarlbergstämmige Mutter guten Gewissens zu fragen aufhören. Der Teenager nahm’s übrigens gelassen: Seine Mutter stammt auch aus dem Ländle, er ist das wohl gewöhnt.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Kommentar