Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Sommerserie: Schicksal 2

Vorarlberg / 29.07.2020 • 09:30 Uhr

Eine Frau fährt mit ihren beiden Mädchen los, um die Freundin ihres Mannes, ein Mädchen von 17 Jahren, zur Rede zu stellen.
Die Mutter des Mädchens, Frau Hoffmann, öffnet die Tür.

„Frau Hoffmann rief ihren Mann in seiner Firma an, teilte ihm mit, was geschehen war.“

Immer noch standen die Frauen im Eingang. Aus der Küche roch es nach Gebratenem.
„Ist ihre Tochter da?“, fragte die Frau. „Entschuldigen Sie, ich bin Hannah.“
Nachnamen hat sie wohl keinen, dachte Frau Hoffmann und sagte: „Kitti schläft, und außerdem, alles, was mit Kitti zu tun hat, geht mich nichts mehr an. Wir reden nicht mehr miteinander, zu viel ist geschehen. Um Kitti kümmert sich ausschließlich ihr Vater. Ich werde meinem Mann von ihrem Besuch erzählen. Kommen Sie am Abend wieder, dann erreichen Sie ihn. Die Mädchen in ihrem Auto lassen Sie lieber daheim. Das Gespräch könnte länger dauern.“
Frau Hoffmann drehte sich um: „Moment“, sagte sie – sie lief in ein Zimmer und brachte zwei Tafeln Schokolade – „für ihre Mädchen.“
Frau Hoffmann rief ihren Mann in seiner Firma an, teilte ihm mit, was geschehen war. Ihr Mann überlegte, ob er sich vor seiner Verantwortung drücken könnte, begann einen Satz, da fuhr ihm seine Frau dazwischen: „Denk dir keine Ausrede aus! Diesmal nicht!“
Am Abend zu Hause: Herr Hoffmann schwitzte, trank, ohne zu schlucken, ein Glas Wasser, aß eine Schüssel Salat, zog, ohne sich vorher zu waschen, ein frisches Hemd an und wartete. Seine Frau war in der Küche. Auch sie wartete. Auf die Frau, die Hannah hieß und deren Mann mit Kitti ein Verhältnis hatte.

Hannah sagte am Abend zu ihrem Mann, sie müsse kurz weg, zu einer kranken Freundin, er solle auf die Mädchen aufpassen. Er wollte etwas einwenden, sie fuhr ihm dazwischen.
„Du!“

Ihr Mann, Benito, war Besitzer eines Fitnessstudios, er sah über alle Maßen gut aus, muskulös. Er war charmant, hatte Vornehmes von seiner Mutter geerbt und dachte sein Leben lang, so wie ich bin, wird man mir alles verzeihen. Kitti war in sein Studio gekommen, um zu trainieren. Sie sah noch aus wie ein Kind. Sofort war sie ihm erlegen.
„Du solltest joggen“, sagte er zu ihr. „Kraftübung brauchst du keine.“ Er duzte sie, dachte, sie sei noch nicht erwachsen, schade.
„Ich bin achtzehn“, log sie, und als er sie fragte, ob sie noch zur Schule gehe, sagte sie: „Ich bin fertig mit der Schule und suche einen Job.“
Ob sie Lust hätte, bei ihm eine Lehre zu machen? Mädchen für alles?
„Fitnessbetreuerin?“, fragte Kitti. „Was brauche ich für Voraussetzungen.“
„Du hast alles, was du brauchst, was du nicht weißt, lernst du von mir. Ich heiße Benito. Sollen wir einen Vertrag machen?“
„Wäre gut“, sagte Kitti. „Und Arbeitskleidung?“
„Bekommst du von mir. Kannst nächste Woche anfangen.“
Von diesem Tag an ging sie nicht mehr in die Schule, beendete nicht ihr letztes Jahr. Ließ einfach alles liegen. Und dann kam Corona, keiner merkte, was los war.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.