“Gott hat seine schützende Hand über mich gelegt”

Vorarlberg / 18.06.2020 • 10:00 Uhr
"Gott hat seine schützende Hand über mich gelegt"
Christian überlebte nur knapp einen Unfall. Das Unglück passierte bei Holzarbeiten.

Christian zog sich bei Holzarbeiten lebensgefährliche Verletzungen zu. Weil er jung und fit war, überlebte er.

Bludenz Ein ehemaliger Schulkollege von Christian (37) starb im Jänner dieses Jahres. Ein Hirntumor brachte ihn ins Grab. Eine Mutter weint jetzt um ihren Sohn.

Karin, die Mutter von Christian, ist froh, dass ihr Sohn noch bei ihr ist. „Uns hat man den Sohn nochmal geschenkt. Wir dürfen noch Zeit mit ihm verbringen. Dafür sind mein Mann Manfred und ich sehr dankbar.“

Christian verletzte sich am 9. September 2017 lebensgefährlich. An diesem Tag fällte er im Wald einen Baum. Dieser peitschte an seinen Kopf. „Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich Steine vom Wanderweg geräumt habe. Dann hatte ich einen Filmriss“, sagt Christian. Kollegen setzten sofort einen Notruf ab. Das Unfallopfer wurde aus dem steilen Gelände geborgen, mit dem Hubschrauber ins Spital geflogen und mehrere Stunden notoperiert.

Zertrümmerte Schädeldecke

Christians Hirnverletzungen waren lebensbedrohlich. Seine Schädeldecke war zertrümmert, sein Kiefer und sein Nasenbein waren gebrochen. Auch sein rechtes Auge war schwer verletzt. Die Ärzte versetzten den jungen Mann in  künstlichen Tiefschlaf, nicht wissend, ob er durchkommen würde. Später sagten sie zu den Eltern, dass der Sohn nur überlebt hat, weil er jung und fit war.

Nach drei Wochen erlangte Christian wieder das Bewusstsein. Aber zunächst war er völlig desorientiert. Er wusste zum Beispiel nicht, was er mit einem Bleistift anfangen sollte. Er konnte auch nicht mehr gehen, reden oder sich ohne Hilfe ankleiden und essen. Wie ein kleines Kind musste er alles neu lernen. Aber der Oberländer war motiviert. Ihm lag viel daran, sich alles so schnell wie möglich wieder beizubringen. „Ich wollte nicht auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sein. Das war mein großer Antrieb.“ Doch er musste bei null beginnen. Anfangs brachte er weder die Gabel zum Mund, noch schaffte er es, eine Zeitungsseite umzublättern. Seinem Vater Manfred fiel aber auf, dass er jeden Tag etwas dazulernte. „Christian versuchte, so viel wie möglich selbst zu machen, schenkte sich selbst Tee ein, nahm die Stiege statt des Aufzugs und begann Spaziergänge zu machen, obwohl das für ihn jedes Mal ein Kraftakt war.“

“Das erste Jahr nach dem Unfall war für mich extrem hart. Vieles erreichte ich nur dank meines starken Willens.”

Christian, Unfallopfer

Jeden Tag ging es mit ihm mehr bergauf. Aber Christian wusste, dass die Sache noch nicht ausgestanden war, denn im Jänner 2018 stand nochmals eine Operation an. „Mir musste am Kopf ein Kunststoffimplantat eingesetzt werden.“ Auf die Operation, die zum Glück ohne Komplikationen verlief, folgte ein sechswöchiger Reha-Aufenthalt. „Es war anstrengend. Ich machte viel Sport. Aber danach war ich körperlich stärker.“

Im Mai 2018 begann Christian in der Gemeindestube in Stallehr wieder zu arbeiten. „Die Arbeit hat mich anfangs ganz schön geschlaucht“, gibt der Gemeindesekretär zu. Überhaupt: „Das erste Jahr nach dem Unfall war für mich extrem hart. Vieles erreichte ich nur dank meines starken Willens.“ Inzwischen spielt der junge Mann, der früher gern an Laufveranstaltungen teilnahm, auch wieder mit Begeisterung Fußball. „Meine Koordination ist aber nicht mehr so gut wie früher.“ Auch sein Gedächtnis hat durch den Unfall gelitten. „Ich bin vergesslicher geworden.“ Aber dass er fast wieder der Alte ist und einem Fulltimejob nachgehen kann, ist für ihn ein Wunder.  „Ich wäre zerbrochen, wenn es anders gekommen wäre.“

“Ich wurde gläubig”

Dem Unfall kann er auch Positives abgewinnen. „Er hat mich auf eine gute Weise verändert. Ich bin gelassener geworden, schätze das Leben jetzt mehr und fühle mich nicht mehr so getrieben wie früher. Da hatte ich immer das Gefühl: ,Du musst und musst‘. Ich war in einem Hamsterrad drinnen. Jetzt bin ich draußen.“ Das Unglück hat auch seine Einstellung zur Religion verändert. „Ich bin gläubig geworden. Gott hat seine schützende Hand über mich gelegt und dafür gesorgt, dass alles wieder gut wird.“ Seinen Eltern gab der Glaube Halt in den vielen schweren Stunden nach dem Unfall. „Ich habe es nur mit Beten geschafft“, sagt Mutter Karin. Auch Christians Vater fand Trost im Glauben. „Ich habe in der Kirche unzählige Kerzen angezündet.“