Optimismus, Lebensfreude und Selbstdisziplin

Vorarlberg / 12.06.2020 • 13:00 Uhr
Optimismus, Lebensfreude und  Selbstdisziplin
Das Spinnen hat Hadwig Reinprecht von ihrer Großmutter gelernt. HRJ

Hadwig Reinprecht will trotz Querschnittslähmung selbstständig sein.

SCHWARZENBERG Sie strahlt Optimismus und Lebensfreude aus. Dabei hat Hadwig Reinprecht heftige Schicksalsschläge eingesteckt. Die 77-Jährige ist seit einem Unfall querschnittgelähmt und rollstuhlabhängig. Dann erlitt ihr Mann einen Schlaganfall.

Ein kühler, regnerischer Nachtmittag. Hadwig Reinprecht bittet ins Wohnzimmer. Sie rollt voraus, stellt süßes Gebäck auf den Tisch und beginnt zu erzählen, aus ihrem Leben mit Höhen, Tiefen und vielem dazwischen.
Als sie am 17. Februar 1943 als Hadwig Troy in Dornbirn geboren wurde, stand die Welt in Flammen. Der Zweite Weltkrieg dauerte schon fast vier Jahre. Am Ende des Kriegs 1945 war Hadwig zwar erst zwei Jahre alt, „ich kann mich aber trotzdem an manches erinnern“. An den Sirenenton, zum Beispiel: „Der ist mir im Kopf geblieben.“ Und an Momente, die sie mit ihrer Mutter und dem kleinen Bruder Alfred im Luftschutzkeller ausharrte.

1946 zog die Familie Reinprecht nach Lochau auf einen Bauernhof, weil der Vater dort Arbeit als Knecht fand. Drei Jahre später übersiedelte sie in den Maihof nach Hörbranz, auf dem schon Hadwigs Großeltern residierten und Braunvieh züchteten.

Zur Volksschule ging Hadwig dennoch in Lochau, weil die gleich um die Ecke stand. Dann folgten acht Jahre Gymnasium in Bregenz. Nach der Matura wollte Hadwig Sport studieren: „Mein Vater verlangte aber, dass ich was Ghöriges lerne. So hat er mich in der Höheren Bildungsanstalt für landwirtschaftliche Frauenberufe in Kematen in Tirol angemeldet.“ Ihre Fachausbildung schloss Hadwig nach einem zusätzlichen Jahr am Institut für landwirtschaftliche Lehrtätigkeit und Beratung in Ober-St.Veit bei Wien ab. Dann kehrte sie nach Vorarlberg zurück und suchte eine Stelle als Landwirtschaftslehrerin: „Ich bewarb mich bei der Landwirtschaftskammer, auch bei der Landwirtschaftsschule, bekam aber keine Antwort.“ Daraufhin versuchte sie es in anderen Bundesländern. Nichts. In Niederösterreich erfuhr Hadwig den Grund der Abweisungen: Sie war nicht katholisch. „Man teilte mir mit, dass es schwierig sei, als Konfessionslose zu unterrichten und schlug mir vor, mich taufen zu lassen. Es gäbe da jemanden, der das ohne Umschweife erledigen würde.“ Hadwig lehnte ab: „Mit mir geht man keinen Kuhhandel ein.“ Über eine ehemalige Schulkollegin erfuhr Hadwig, dass in Lech eine hauswirtschaftliche Berufsschullehrerin gesucht wurde. Sie bekam den Lehrvertrag. Später wurde sie an die Hauswirtschaftliche Berufsschule in Rankweil berufen.

„Man teilte mir mit, dass es schwierig sei, als Konfessionslose zu unterrichten.“

Hadwig Reinprecht
Berufsschullehrerin, Landwirtin

Sie war 18, als sie begann, sich für Politik zu interessieren. Sie besuchte ein Seminar der Landes-FPÖ in Raggal. Unter den Teilnehmern befand sich ein junger Mann, dem sie gefiel und umgekehrt. Aus der Beziehung entstand 1967 eine Tochter, aber nie eine Heirat. Dem Maurer und Bühnenarbeiter Othmar, der ihr Ehemann geworden ist, begegnete Hadwig im Sommer 1970, bei einem Grillfest. Ihm folgte sie nach Schwarzenberg in sein Elternhaus. Mit ihm zog sie neben ihrer ältesten Tochter zwei weitere Töchter und drei Söhne auf. Mit ihm begann sie nach dem Einzug ins selbstgebaute Eigenheim Schwarzkopfschafe und Haflinger zu züchten. Die Verarbeitung der Schafwolle nahm Hadwig in die Hand. Das Verspinnen von Fasern am Spinnrad hatte ihr die Großmutter beigebracht.

Überlebt

Es war Anfang Sommer 1988. Hadwig und ihr Mann fuhren mit dem Kleinbus auf die Alpe im Mellental, wo ihre Haflingerstuten weideten, um nach dem Rechten zu schauen. Bei der Heimfahrt stürzte das Fahrzeug 60 Meter über Felsen hinab in einen Wildbach. Beide wurden schwer verletzt. Ihr Mann erholte sich trotz der schweren Kopfverletzung rasch, Hadwig ist indes aufgrund von zwei Brustwirbelbrüchen querschnittgelähmt geblieben.

Im Reha-Zentrum Häring lernte sie, sich mit dem Rollstuhl fortzubewegen. „Mein größter Wunsch war, wieder so selbstständig wie möglich zu werden“, betont Hadwig. Das schaffte sie mit eiserner Selbstdisziplin und mithilfe ihrer Familie, vor allem ihres Mannes, bis dieser 2015 einen Schlaganfall erlitt und dadurch selbst körperlich beeinträchtigt wurde.

Nachdem die Schafzucht bereits aufgegeben war, verkauften die Reinprechts nun auch die Haflinger. Heute wohnen nur mehr drei Haflingerstuten im Stall, allerdings zusammen mit einer Mini-Shetland-Ponyherde. „Die Ponys sind Othmars Leidenschaft“, erklärt Hadwig. „Sie sind eine gute Therapie für ihn.“ Ihre Leidenschaft ist das Gärtnern. Auf dem Balkon hat sie einen beachtlichen Gemüsegarten angelegt, und im Vorgarten sowie auf der Terrasse pflegt sie liebevoll ihr Blumenreich. Zudem führt sie den Haushalt – selbstständig. Und da sind auch noch die 13 Enkel, die sie gerne um sich hat. Somit ist Hadwig Reinprechts Alltag ausgefüllt: „Damit bin ich zufrieden.“ HRJ