Über Ischgl darf kein Gras wachsen
Natürlich hat Ischgl auch Pech gehabt. Das Coronavirus hätte sich genauso gut über Wien oder eine andere Großstadt ausbreiten können. Dann wäre womöglich alles noch viel heftiger gekommen. Das sollte man nicht vergessen. Ischgl steht aber auch für pervertierten Massentourismus, Geldmache sowie den Versuch, Gras über die Sache wachsen zu lassen. Letzteres hat der Seilbahnlobbyist und ÖVP-Nationalratsabgeordnete Franz Hörl in einer SMS dem Betreiber einer Après-Ski-Bar explizit vorgeschlagen.
„Das Coronavirus hätte sich genauso gut über Wien ausbreiten können.“
Die Geschichte ist bekannt: Zu einem Zeitpunkt, zu dem die Gefährlichkeit von Covid19 bekannt war, zu dem erste Berichte aus Norditalien eintrudelten und zu dem das zweieinhalbtausend Kilometer entfernte Island nach ersten Infektionsfällen bereits vor Reisen nach Ischgl gewarnt hatte, teilte die amtliche Tiroler Landessanitätsdirektion mit, es sei aus medizinischer Sicht wenig wahrscheinlich, dass von einem positiv getesteten Barkeeper eine Übertragung auf Gäste erfolgt sei. Konsequenzen? Bis heute keine. Franz Hörl hoffte, die lukrative Wintersaison noch länger fortsetzen zu können. Konsequenzen? Null.
Kein „Blame-Game“
Was ist also mit Ischgl? Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) will Fehlverhalten nicht durchgehen lassen, aber auch kein „Blame-Game“ betreiben. Hier geht es nicht um bloße Schuldzuweisungen oder die Befriedigung anderer, niederer Instinkte. Was in Ischgl passiert ist, muss aus ganz anderen Gründen auf Punkt und Beistrich aufgeklärt werden.
Grund 1: Anfang April stellte keine Fake-News-Maschinerie, sondern die staatliche Gesundheitsagentur AGES fest, dass allein in Österreich 57 Prozent aller überprüften Infektionsfälle auf Ischgl zurückzuführen seien.
Grund 2: Das Zögern von Politik und Behörden trug dazu bei, dass Gäste das Virus europaweit verteilen konnten. Besonders krass: Als die Regierung in Wien Mitte März einschneidende Maßnahmen verkündete, entließ man in Tirol noch Tausende, möglichweise infizierte Skifahrer unkontrolliert nach Hause.
Grund 3: Früheres Einschreiten hätte Österreich und den Herkunftsländern der Gäste sehr wahrscheinlich Schlimmeres erspart.
Grund 4: Die Schäden und Kollateralschäden der Pandemie sind unermesslich. Kinder dürfen nicht in die Schule, Tausende Unternehmen sind gefährdet, Hunderttausende Frauen und Männer arbeitslos, zumindest ebenso viele in ein tiefes Loch gefallen.
Lehren für zweite Welle
Was zum fünften und wirklich entscheidenden Grund überleitet, warum kein Gras über Ischgl wachsen darf und Aufklärung jetzt erfolgen muss: So etwas darf sich nicht wiederholen. Nirgends. Aus dem, was falsch gelaufen ist, müssen Lehren gezogen werden. Und zwar schnell: Mit einer weiteren Infektionswelle ist jederzeit zu rechnen.
Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.
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