Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Das antinarzisstische Virus

Vorarlberg / 02.04.2020 • 07:59 Uhr

Je länger die Coronakrise dauert, desto mehr wird die Frage gestellt, ob der Pandemie neben all ihrem Schrecken nicht auch positive Aspekte abzugewinnen seien und wie sich das Leben danach verändere. Nie mehr werde es so sein wie bisher, es komme zu radikalen gesellschaftlichen Umstellungen, die postepidemische Welt werde eine ganz andere sein, sagen die einen. Nein, es werde dort weitergehen, wo wir im Februar aufgehört haben, der Mensch habe nichts gelernt, es werde sich nicht viel ändern, so die andern. Zukunftsforscher und soziologische Alleserklärer haben Hochkonjunktur, ihre Erkenntnisse sind ähnlich widersprüchlich wie die der Virologen und Epidemiologen.

„Die unerwartete Seuche macht bewusst, dass unsere Bäume nicht in den Himmel wachsen.“

Bei nüchterner Betrachtung ist nicht zu übersehen, dass das Virus neben Krankheit und Leid auch ein Durchatmen für die umweltgebeutelte Welt, Entschleunigung im Berufs- und Freizeitstress, Rückführung auf die persönlichen Werte sowie gesellschaftliche Solidarität gebracht hat. Darüber hinaus versetzt es dem narzisstischen Zeitgeist einen ordentlichen Dämpfer. Vielleicht hat das Virus mit dem narzisstischen Namen –Corona heißt Siegeskranz – sogar das Ende der narzisstischen Epoche eingeläutet. In unsrer Großartigkeit haben wir Existenzangst und Not nicht mehr ernst genommen, haben Seuchen als alte Schauergeschichten abgetan, vor lauter Wachstum keine Grenzen mehr gesehen und Vergnügen bis zur Dekadenz ausgelebt. Der Mensch hat sich mit dem „Titanic-Syndrom“ – wir sind unverwundbar – geschützt und geglaubt, in einer immer kränkeren Welt immer gesund zu bleiben.

Die unerwartete Seuche macht bewusst, dass unsere Bäume nicht in den Himmel wachsen. Ein mit freiem Auge nicht sichtbares Virus hat viel mehr bewirkt als unzählige Politprogramme und Wissenschaftskonzepte, als all unsere Kommentare und Proteste: Die Smogwolken über Industriezentren haben sich gelichtet, die Kondensstreifen am Himmel sind verschwunden, in den klar gewordenen Kanälen Venedigs schwimmen wieder Fische. Mietkosten explodieren nicht mehr, die Turboglobalisierung wird infrage gestellt. Selbst der amerikanische Präsident, den Narzissmus wie kein anderer zelebrierend, ist kleinlaut geworden.

Wenn sich die Menschen aber jetzt der Herausforderung stellen, die großen Probleme besser lösen zu können als eine Mikrobe ohne Herz und Hirn, hätte die schlimme Epidemie einen besonders positiven Effekt gehabt: Der kalte, egozentrische und destruktive Narzissmus wäre prosozial, emotional erwärmend und konstruktiv geworden.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.