Mit Rotationsplan gegen Anästhesisten-Mangel

Vorarlberg / 10.03.2020 • 12:00 Uhr
Mit Rotationsplan gegen Anästhesisten-Mangel
Bei jedem operativen Eingriff sind Anästhesisten unabdingbar. KHBG/MATHIS

Mangel an Narkoseärzten bedingt mitunter OP-Verschiebungen.

Bregenz Personelle Engpässe in den Krankenhäusern sind ein leidiges Thema, weil als Folge davon immer wieder einmal geplante Operationen verschoben und Patienten auf später vertröstet werden müssen. Am Landeskrankenhaus Bregenz etwa leidet, wie berichtet, die Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin an einem Mangel an Anästhesisten. Das bestätigt auch Fachgruppenobmann Primar Reinhard Folie. Allerdings sei der Mangel nur relativ, ergänzt er und fügt erklärend an: „Die neue Ausbildungsordnung zwingt uns, Ausbildungsärzte an Schwerpunktkrankenhäuser und Kliniken weiterzuleiten. Das macht inhaltlich Sinn, höhlt jedoch die kleinen Häuser aus.“ Zudem bleiben viele Ärzte auch danach dem Krankenhaus, das sie durch die Ausbildung führte, verbunden und denken meist nicht an einen Wechsel. „Das macht die Personalrekrutierung bei Anästhesisten insgesamt schwierig“, spricht Folie von der Notwendigkeit neuer Strategien. In Vorarlberg soll ein Rotationsplan die Jungmediziner wieder ins „Mutterhaus“ zurückbringen. Die erste Rückrotation erfolgt im heurigen Sommer.

Mehr als nur Narkosearzt

Längst ist der Anästhesist mehr als nur ein Narkosearzt. „Unsere Arbeit hat sich in den vergangenen 20 Jahren drastisch verändert“, erzählt Reinhard Folie. Vor allem das Tätigkeitsspektrum wurde deutlich breiter. Es umfasst heute neben der Anästhesie auch die Intensiv-, Notfall- und Palliativmedizin sowie die Schmerztherapie. „Darauf wurde natürlich durch Aufstockung der Dienstposten reagiert, allerdings haben uns die Flexibilisierung des Beschäftigungsausmaßes und das Arbeitszeitgesetz eingeholt“, erläutert der Fachgruppenobmann. Waren etwa im LKH Bregenz früher 14 Facharztdienstposten mit 100 bis 120 Prozent besetzt, sind es aktuell neun Vollzeitäquivalente. Immer mehr wird per Teilzeit abgedeckt. „Wir schätzen unsere Teilzeitkräfte sehr, die hochflexibel sind und gerne arbeiten“, betont Folie. Gleichzeitig bedeute die Zunahme an Teilzeitbeschäftigten, dass mehr Mitarbeiter eingestellt werden müssen. „Dies gilt aber für alle österreichischen Spitäler“, gibt der Primar zu bedenken.

Verteilungsproblem

Eine Erhöhung der Ausbildungsstellen sollte die Situation entschärfen, doch die neue Ausbildungsordnung lässt dies eben nur zum Teil zu. „Besonders Unikliniken binden in großen Mengen Assistenten und Jungfachärzte für Jahre“, spricht Reinhard Folie von einem Verteilungsproblem. Da seien kleine Häuser im Nachteil, weil sie über weniger Ausbildungsärzte verfügen. Ausbildungsstellen gibt es 22 im Land, zumindest 30 wären aus Sicht des Fachgruppenobmanns notwendig, um sich Nachwuchs auf eigene Faust zu sichern. Im Durchschnitt dauert die Facharztausbildung für Anästhesisten 5,5 Jahre. Laut Folie absolvieren österreichweit pro Jahr rund 120 Kolleginnen und Kollegen die Facharztprüfung, deutlich mehr gehen jedoch in Pension. In Vorarlberg arbeiten derzeit etwa 100 Anästhesisten, die meisten davon im Schwerpunktkrankenhaus Feldkirch. Es sind zum größten Teil auch Anästhesisten, die Intensivstationen leiten.

Offen für neue Modelle

Reinhard Folie unterstreicht die Wichtigkeit neuer Strategien, um Medizinstudenten für die Anästhesie zu interessieren. Besonders Online-Medien gelte es dafür zu nutzen, weil ein Großteil der gegenseitigen Information inzwischen über solche Kanäle laufe. Auch attraktive Angebote im Krankenhaus selbst könnten nach Meinung von Folie eine Unterstützung sein. Im LKH Bregenz beispielsweise, wo jährlich rund 7000 Narkosen anfallen, wird Turnusärzten vonseiten der Anästhesie zusätzlich eine Notfallausbildung angeboten und von diesen auch gerne angenommen. Ebenso werden Notarzt- und Flugrettungseinsätze von Anästhesisten begleitet. „Diese Maßnahmen zeigen Wirkung, trotzdem müssen wir bei der Bewerbung des Fachs noch innovativer werden und für andere Modelle offen sein“, sagt Reinhard Folie. So könnte er sich etwa vorstellen, dass auch vermehrt niedergelassene Ärzte als Notärzte im Spital arbeiten.