Literatur öffnet Blick ins Dasein eines “Fremden”

Vorarlberg / 19.02.2020 • 12:30 Uhr
Maria El Ghoubashy las aus dem Buch von Aly El Ghoubashy. Mit dem Verkauf des Buches und eigener Bilder sowie durch Spenden finanziert der Autor sein Projekt, mit dem er Familien in Marokko und Ägypten dabei unterstützt, ihr Leben selbst zu bewältigen. <span class="copyright">Kogelnig</span>
Maria El Ghoubashy las aus dem Buch von Aly El Ghoubashy. Mit dem Verkauf des Buches und eigener Bilder sowie durch Spenden finanziert der Autor sein Projekt, mit dem er Familien in Marokko und Ägypten dabei unterstützt, ihr Leben selbst zu bewältigen. Kogelnig

Lesung mit Aly El Ghoubashy im Theater am Saumarkt.

Feldkirch „Die Literatur spielt keine Rolle“, sinnierte der Autor Aly El Ghoubashy am Sonntagvormittag im Theater am Saumarkt – und meinte damit, dass ein Buch wie seines wenig auszurichten vermöge gegen Hoffnungslosigkeit, Armut, Kriege und was die arabischen Länder noch an Widrigkeiten durchmachen. Mit seiner Literaturmatinee widerlegte er jedoch genau diese Annahme: Die Texte aus seinem Buch erlaubten seinen Zuhörern einen Blick in das Dasein eines „Fremden“ in Europa und in dessen Heimat; El Ghoubashy stellte bei der Lesung zudem sein Projekt vor, mit dem er Kindern in Marokko und Ägypten unter anderem durch Literatur und Bildung Zukunftsperspektiven eröffnen will.

Sehnsüchte und Sprache

Das Flugzeug, mit dem El Ghoubashy 1982 nach Deutschland kam, trug den Namen „Der blaue Kranich“. Sein nach dieser Maschine betiteltes Buch, das vor zwei Jahren erschien, erzählt von der Welt, aus der er kam, und von jener, in welcher er landete: von bizarren Sehnsüchten, die ihn nach Europa zogen, und von verlockenden Erinnerungen, die ihn wieder zurück nach Ägypten holen wollten; von verschrobenen Ansichten der Inländer, die einem Hund mehr Beachtung schenkten als ihm, und von den Tücken der deutschen Sprache, welche er meisterte – um schließlich mit dem altbekannten „Was machen?“ angesprochen zu werden.

Die Erlebnisse aus der Zeit seines Architekturstudiums, für welches El Ghoubashy in Österreich mit dem Schreiben seiner Doktorarbeit begann, verarbeitete er schriftstellerisch ebenso wie durch Bilder, von denen sich einige in seinem Buch finden. Ausgewählte Texte aus diesem lasen Maria El Ghoubashy, seine Gattin, und Burkhard Wüstner, der wie der Autor am Gymnasium in Feldkirch unterrichtet. El Ghoubashy vermittelte dem Publikum darüber hinausgehende Eindrücke von seiner Vergangenheit als Straßen- und Kriegskind.

Hilfe zur Selbsthilfe

Aus seiner Frage an sich selbst – „Was wäre, wenn ich nicht die Grundschule, das Gymnasium, die Universität durchlaufen hätte?“ – erwuchs das Projekt „Unterbrich die Schule nicht“, durch das er Familien bei der Selbsthilfe zu unterstützen trachtet. Er beschafft Nähmaschinen und Nutztiere mit der Absicht, die Subsistenzwirtschaft in Marokko und seiner Heimat Ägypten zu stärken; Bücher und Schulmaterialien sollen Kindern den Abschluss der Schule ermöglichen. Stark setzt er auf das Mittel der Aufklärung, um Kindern die Gefahren bei der Überquerung des Mittelmeeres zu verdeutlichen sowie trügerische Vorstellungen vom Leben in Europa zurechtzurücken. Indem er unabhängig von Behörden und Organisationen agiert, bezweckt er, die Mittel direkt den Familien zugute kommen zu lassen. VKO