24 kleine Stunden
Wie soll man eine launige Kolumne schreiben derzeit? Während ich vor dem Bildschirm sitze, jagen sich in den Medien immer neue Nachrichten. Pressekonferenzen, bei denen die Presse keine einzige Frage stellen darf, Ankündigungen, die nicht eingehalten werden, Erklärungen, die nichts erklären. Was hat der jetzt eben gesagt, hat der überhaupt was gesagt? Hinter dem Text auf meinem Computer laufen die Livestreams mehrerer Medien gleichzeitig, zusätzlich zu Facebook und Twitter, der Fernseher ist auch an, ohne Ton, im Radio läuft ein Ö1-Infojournal. Bloß nichts verpassen jetzt.
„What a Difference a Day makes – was für ein Unterschied ein Tag macht, 24 kleine Stunden.“
Zwischendurch, zum Abreagieren, höre ich Musik. Dinah Washington: „What a difference a Day makes“. Am Donnerstagabend noch auf der Demo, große Resignation: Das wird immer schlimmer. Am Freitagabend, kurz bevor ich mit einem alten Freund aus Ländle-Zeiten zum Essen verabredet war, sah ich auf falter.at die Videos. Ich bin sonst sehr dafür, im Restaurant das Smartphone in der Tasche zu lassen, besonders, wenn man sich mit jemandem trifft, den man lange nicht gesehen hat. Aber an diesem Abend: da wurde Geschichte geschrieben, und wir verfolgten das bei gutem Essen und tadellosem Wein. Es war würdig. Was für ein Unterschied ein Tag macht.
Jetzt hat Konstantin Wecker übernommen: „Genug ist nicht genug“. An einem Abend bei Freunden hat das kürzlich jemand in die Playlist geschummelt und alle Augen leuchteten auf, alle konnten es Wort für Wort mitsingen, obwohl jeder von uns das Lied seit Jahren, mitunter seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte, und in der Zwischenzeit musikalische Phasen durchlebte, die zum Weckerischen Stil in radikalem Kontra standen. Aber auf manche Sachen kommt man, wenn man älter wird, automatisch wieder zurück. Manche halten den Jahren nicht stand, die Erinnerung hat Filme und Songs verklärt, und wenn man sie dann wieder hört, fragt man sich, in was für einer Zeit und in welchem Geisteszustand man das je gut finden konnte. Aber andere halten ihre Qualität über die Jahre: Der Film „Alien“ zum Beispiel, der 1979 in die Kinos kam und in dem am Schluss – Vorsicht, Spoileralarm! – nur die nervige Frau und die Katze überleben. Passt. Oder auch Weckers Lied: Es klingt auch nach 42 Jahren noch frisch und saftig. Und es ist immer noch poetisch, und gerade ziemlich aktuell.
Und eben der Dinah-Washington-Song. Ich hörte ihn an dem Tag, an dem meine Kinder geboren wurden: What a Difference a Day makes – was für ein Unterschied ein Tag macht, 24 kleine Stunden. Ich höre ihn jetzt wieder; zumindest solange bis sich erneut etwas tut, das alles wieder ändert.
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