Josef Keckeis: Der „Volksarzt“ und Ehrenbürger von Stein an der Donau

Vorarlberg / 10.04.2019 • 12:45 Uhr
Josef Keckeis: Der „Volksarzt“ und Ehrenbürger von Stein an der Donau
Dr. Keckeis (2. v. l.) um 1905 mit Kremser Honoratioren beim wöchentlichen Kartenspiel. Sammlung Kühnelt. Krems

Historische Biografie über Dr. Josef Keckeis (1862-1949) aus Nüziders.

Wenn in den nächsten Wochen die neue niederösterreichische Landesgalerie eröffnet wird, ist das nicht nur ein besonderes Ereignis für den Kremser Stadtteil Stein, sondern auch ein Karrierehighlight für das Vorarlberger Architektenduo Marte und Marte. Der Ort des Neubaus hat auch historische Bezüge zu Vorarlberg. Nur einen guten Steinwurf vom spektakulären Museumsbau entfernt wohnte und wirkte einst der aus Nüziders stammende Arzt Dr. Josef Keckeis.

Bis 1938 war Stein an der Donau eine eigene Stadt, ehe diese von den Nationalsozialisten nach Krems eingemeindet wurde. Stein war Standort der bedeutendsten österreichischen Tabakfabrik sowie der größten Strafanstalt und als Tor zur Wachau auch ein Ort des Weinbaus. Hier leistete der Neodoktor Josef Keckeis ab 1891 bei einem Landsturmregiment seinen Militärdienst ab. Unmittelbar nach Studienabschluss hatte er im Wiener Pestspital erste praktische Erfahrungen gemacht, die ihm bald zugutekommen sollten. Nach Ableistung seiner Dienstpflicht ließ sich Dr. Keckeis für den Rest seines langen Lebens in Stein nieder. Dem tüchtigen Militärarzt wurde nämlich gleich die Stelle eines Stadtarztes von Stein angeboten.

Geboren wurde Josef Keckeis am 10. April 1862 in Nüziders. Seine Eltern waren Bauersleute und hatten offensichtlich den Ehrgeiz, ihrem einzigen Sohn eine höhere Bildung zukommen zu lassen. Später studierte auch ein Sohn seiner Schwester Medizin. Nach Absolvierung des Feldkircher Gymnasiums studierte Keckeis an den Universitäten Graz und Wien. Nachdem Keckeis bei der Matura am Feldkircher Gymnasium bereits 24 Jahre alt war, dürfte er erst auf Umwegen auf die höhere Schule gekommen sein.

Als Dr. Keckeis die Stadtarztstelle antrat, waren 40 Einwohner von Stein an Typhus erkrankt. Schon in den Jahrzehnten zuvor war der Ort mehrmals durch verunreinigte Brunnen von Typhusepidemien heimgesucht worden. Zwar setzte der neue Arzt eine Reihe von hygienischen Maßnahmen, mit seiner ganzen Überzeugungskraft forderte er aber den Bau einer allgemeinen Wasserleitung, um Typhusseuchen in Zukunft zu verhindern. Die Aufbringung der dafür nötigen Mittel überließen die Stadtvertreter dem Arzt, indem sie ihn zum Stadtrat wählten und ihm auch gleich das Finanzressort umhängten. Das Gelingen dieses Großprojekts, seine Art im Umgang mit den Menschen und seine fachliche Kompetenz verschafften Dr. Keckeis die Wertschätzung seiner Patienten, öffentliche Anerkennung, persönliches Ansehen und zusätzliche Ämter. Er wurde zu einem Mittelpunkt der kleinstädtischen Honoratiorengesellschaft. Neben seiner Tätigkeit als Stadtrat fungierte er – obwohl Mitglied der Fortschrittspartei – viele Jahre als Patronatskommissär der Steiner Pfarrkirche und verantwortete in dieser Zeit auch eine umfangreiche Renovierung. Er war führendes Mitglied der Feuerwehr, im Vorstand der Kremser Sektion des Alpenvereins und Mitglied des Ortsschulrats. Als gegen Ende des Ersten Weltkriegs immer mehr von den ausgemergelten Menschen tuberkulosekrank wurden, bestellte die Nachbarstadt Krems den mittlerweile zum Medizinalrat ernannten Arzt zum Leiter der Tuberkulose-Fürsorgestelle. Schon seit Beginn des großen Krieges tat er in Lazaretten Dienst. Neben tätiger Hilfe leistete er 1915 mit einer Kriegsanleihe von 40.000 Kronen auch den höchsten finanziellen Beitrag aller Steiner Bürger.

Josef Keckeis: Der „Volksarzt“ und Ehrenbürger von Stein an der Donau
Stein an der Donau in den 1950er-Jahren: Rechst vorne die Tabakfabrik, links die Strafanstalt, davor in Richtung Donau wurde 2018/19 die neue Landesgalerie von Marte/Marte platziert. Risch-Lau/VLB

Bereits 1902 war Dr. Keckeis zum Hausarzt des Steiner Gefangenhauses bestellt worden. Diese Funktion, die er in der Folge 30 Jahre hindurch ausübte, brachte ihm aber nicht nur den Titel Hofrat und öffentliche Anerkennung ein, sondern eine schwierige Klientel und bisweilen auch Ärger. Bei einer Belegung von zeitweise über 1000 Gefangenen gab es nicht nur Zufriedene. 1910 bekam er beispielsweise einen anonymen Brief mit einer Morddrohung. Nachdem der Schreiber ausgeforscht war, gab dieser zu Protokoll, Dr. Keckeis habe ihn nicht so krank geschrieben, dass er die angestrebte Einzelhaft bekam. Im Jahr 1921 fand im Gefängnis Stein eine Häftlingsrevolte statt. Der Gefängnisdirektor forderte Militär an und ließ auf die Aufständischen schießen. In einem umfangreichen Prozess kamen nicht nur diese Vorfälle, sondern die Verhältnisse im Gefängnis überhaupt zur Untersuchung. Dabei äußerte ein „alter Steiner“, im Gefängnis seien die zahlreichen Geschlechtskrankheiten gerüchteweise darauf zurückgeführt worden, dass Dr. Keckeis die Gefangenen mit gezielten Spritzen infiziert habe. Gegen diese Anschuldigung wehrte sich Keckeis heftig, und auch das Gericht verfolgte das absurde Gerücht nicht weiter. Über Stein hinaus bekannt wurde Dr. Keckeis in einer Pressefehde zwischen Karl Kraus und einem Gerichtspsychiater, dessen Gutachten Kraus unter anderem mit Hilfe des Totenbeschauberichts des Anstaltsarztes als „Schlechtachten“ zerpflückte.

Neben seinen umfangreichen ärztlichen Aufgaben und den öffentlichen Ämtern blieb dem Doktor noch Zeit für ein angeregtes gesellschaftliches Leben. Das wöchentliche Kartenspiel mit anderen Ortsgrößen war ihm ebenso wichtig wie seine Obmannschaft beim Verein „Gemütlichkeit“, der für die bessere Gesellschaft von Stein Gesellschafts- und Theaterabende veranstaltete. Auch dem Verein der Vorarlberger in Wien waren Dr. Keckeis und seine Frau sehr verbunden. Immer wenn die Vereinsmitglieder in die Wachau kamen, sorgte das Ehepaar Keckeis für „gute und rechtzeitige Verpflegung“. Das organisierende „Lokalkomitee“, heißt es in der Vereins­chronik, bestehend aus Frau Rosa Keckeis als Präsidentin, Dr. Keckeis als Schriftführer und Josef Wichner als „Maulheld“, empfing die Landsleute jeweils an der Schiffslände und bot den Wiener Landsleuten Kost und Unterhaltung.

Seine Lebensgefährtin fand Dr. Keckeis in seiner alten Heimat, der er Zeit seines Lebens durch Besuche verbunden blieb. Gleich nach dem Antritt seiner Stadtarztpraxis in Stein heiratete er Rosa Metzler aus Feldkirch. Sie stammte aus Ravensburg und war mit ihren älteren Geschwistern ins Land gekommen. Ein Bruder erwarb – wie viele andere Schwaben – ein Gasthaus in Vorarlberg, nämlich die Krone in Brederis. Ihre Schwester Sofie Meier leitete den Gasthof Bären in Feldkirch als „Wirtschafterin“ und machte daraus das erste Haus am Platz. 1902 verkaufte die Brauerei Fohrenburg das Hotel an die tüchtige Verwalterin. Hier im Bären hat Keckeis die jüngere Schwester der Wirtin kennen und lieben gelernt. Auch als Arztgattin in Stein hat Frau Keckeis den Sommer mit ihren Kindern mehrheitlich bei ihrer Schwester in Feldkirch verbracht. Doch die umtriebige Wirtin starb bereits 1906 während einer Operation in Zürich. In ihrem Testament erklärte sie ihre Schwester Rosa Keckeis zur Alleinerbin. Der hoch belastete Betrieb erwies sich aber als schweres Erbe. Bereits fünf Jahre nach Übernahme des Gasthofs verstarb die überlastete, zwischen Niederösterreich und Vorarlberg pendelnde Frau. Das Ehepaar Keckeis hatte drei Töchter, von denen eine bereits im Kindesalter verstarb. Die beiden anderen erbten von ihrer Mutter den Bären.

Vier Jahre nach dem Tod seiner Gattin heiratete Dr. Keckeis mit Maria Meller die Schwester eines berühmten Sohnes der Stadt Stein. Die Eheschließung fand in Innsbruck statt, weil Dr. Josef Meller, Bruder der Braut und Trauzeuge, an der dortigen Universität als Professor für Augenheilkunde wirkte. Diese zweite Ehe dürfte aber keine glückliche gewesen sein. Schon 1930 lebten die beiden jedenfalls in getrennten Haushalten und auf dem Grabstein der Familie Keckeis fehlt Maria Meller ebenfalls.

Josef Keckeis: Der „Volksarzt“ und Ehrenbürger von Stein an der Donau
Dr.-Keckeis-Gasse in Stein. Pichler

Als 1932 die Tochter Rosa Keckeis, die dem Doktor in der Ordination assistiert und den Haushalt geführte hatte, starb, zog sich der mittlerweile 70-jährige Arzt aus dem Berufsleben und weitgehend auch aus dem öffentlichen Leben zurück. Noch im Jahr zuvor war er in einem erhebenden Festakt zum ersten Ehrenbürger der Stadt ernannt worden. Eine geplante Feier zu seinem 75. Geburtstag lehnte er ab und verreiste. Würdigungen für sein berufliches Schaffen und für sein öffentliches Engagement hatte er in den Jahren davor in angemessenem Ausmaß erfahren dürfen. Nach seinem Tod im Jahr 1949 ehrten die Kremser Stadtväter den „wahren Volksarzt“, wie er in einem Nachruf gewürdigt wurde, ein letztes Mal: Eine Gasse im Zentrum von Stein heißt seit 1950 „Dr. Keckeis-Gasse“.