Kommentar: Sehnsucht nach dem großen „Wir“

Wenn vergangenen Sonntag wieder Zehntausende an den Laufveranstaltungen rund um den Vienna City Marathon teilgenommen haben, war neben der Begeisterung für den Laufsport oder für die Instagram-taugliche Selbstoptimierung für viele wohl auch das ein zentrales Motiv: das Gemeinschaftserlebnis. Denn wo treffen sich Menschen mit völlig unterschiedlichen Hintergründen heute noch zu einer gemeinsamen Aktivität? Die traditionellen Orte der Begegnung, an denen man sich früher über Alter, Berufsgruppen und soziale Milieus hinweg zum Austausch finden konnte, gibt es nicht mehr in der Form. Früher hatten Parteien oder Kirchen diese Funktion, heute bleibt uns vor allem Social Media. Da hat die allwöchentliche Chorprobe vor der Jazzmesse als Kind mehr Spaß gemacht.
Auf den digitalen Plattformen ist das Gemeinschaftsgefühl fragil, eine Illusion. Die Gefahr, sich hier den eigenen Emotionshaushalt durch übertriebene Gefühlsäußerungen oder Doomscrolling, das dauernde Konsumieren von negativen Nachrichten, zu ruinieren, ist leider groß. Das Wir-Gefühl ist verschüttet, spätmoderne Gesellschaften feiern das Individuum, nicht das Allgemeine, wie auch der deutsche Kultursoziologe Andreas Reckwitz in seinem grundsätzlichen Werk „Die Gesellschaft der Singularitäten“ feststellt. Individualisierung und Betonung des „Ich“ führen immer mehr zur Vereinzelung im Denken, manchmal zur Vereinsamung. Jede, jeder für sich, auf der eigenen Insel. Die Lebensqualität auf der Insel unterscheidet sich allerdings, je nach Finanzlage.
Feuer der Gefühle
Mehr Gemeinschaftssinn als Bindemittel der individualisierten Gesellschaft, das ist also ein schwer umsetzbares Anliegen, auch wenn die Sehnsucht nach dem „Wir“ in einer verunsicherten Welt spürbar ist. Zumindest in einem wichtigen Bereich verfügt Österreich über ein funktionierendes Netz der Gemeinschaft: Laut den Zahlen der Statistik Austria engagieren sich 3,7 Millionen Menschen im Land ehrenamtlich, oft in Vereinen und Organisationen. Je kleiner die Gemeinde, desto mehr sind die Einwohner freiwillig tätig.
Wir könnte man dieses Gemeinschaftsgefühl, das zumindest in kleinen, ländlichen Einheiten noch vielfach funktionieren dürfte, auf andere Bereiche übertragen? Gerade die digitale Öffentlichkeit könnte auch ein Ort für positive Gefühle sein, die man miteinander teilt. Neben der Teilhabe und Demokratisierung, den großen Versprechen des Internets, wäre das ein echter Wert für die Gemeinschaft. Ein Wert, den man gegen die Schreihälse, die Gefühlsseligen und die Distanzlosen verteidigen sollte. Genauso wie gegen die Tech-Giganten, die mit ihren Algorithmen das Feuer der Gefühle zusätzlich schüren und uns auseinanderdividieren.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.