Kolumne: Erkennen, anvorarlbergern, duzen
Eine Frau sagt kürzlich zu mir: Ach bist du die, die immer übers Zugfahren schreibt, oder? Ich saß gerade am Stand meines Verlages auf der Frankfurter Buchmesse, ich hatte sie Vorarlbergerisch sprechen gehört und sie, von Schwester zu Schwester sozusagen, gleich angequatscht.
Danach habe ich gedacht: Okay, Vielleicht schreibe ich zu viel übers Zugfahren, was wahrscheinlich damit zu tun hat, dass ich derzeit sehr viel Zug fahre, und die Zeit meistens zum Arbeiten nutze oder dazu, mittels einer App meine Italienisch-Kenntnisse zu verbessern. Ich bin jetzt in der Lage, auf Italienisch zu berichten, dass mein Hund krank ist. Mein Hund ist nicht krank, er macht, auch das könnte ich schon in italiano hierher schreiben, Urlaub bei Freunden und wird dort über die Maßen verwöhnt, denn ich sitze auch jetzt wieder in einem Zug. Dieser bringt mich vom Lac de Neuchatel nach Zürich, und im Moment wäre es besser, ich würde mit der App Französisch lernen, das merkte ich, als ich soeben einen Mitreisenden um eine Auskunft bat.
In Frankfurt passierte wieder, was zwischen Vorarlbergerinnen, die sich außerhalb des Ländles treffen, immer passiert: Erkennen, anvorarlbergern, duzen, und, dauert das Gespräch länger als zwei Minuten, fragen wem man gehört. Soweit sind wir nicht gekommen, ich musste weiter. Auch in Bern passierte es wieder, ein junger Herr aus Feldkirch, eine nette Frau aus Hohenems, leider hatte ich keine Zeit für weiterführende Konversation, denn ich war, ganz unvorarlbergerisch, zu spät dran.
Das war passiert, weil ich den Weg vom Hotel zum Veranstaltungsort nicht, wie sonst, selber recherchiert hatte. Die Moderatorin hatte mir in einer Nachricht geschrieben: Nimm den Bus vom Bärenplatz um 10.03 Uhr! Ich: Okay! Ich war ordentliche sieben Minuten zu früh am Bärenplatz, nur um festzustellen, dass das ein wirklich großer Platz ist, mit Bushaltestellen an allen vier Ecken, von denen nicht eine, sondern sechs oder sieben Buslinien in verschiedene Richtungen fahren. Bis ich die richtige fand, war es 10.08 Uhr, und eine meiner genetisch eingravierten Urängste war Realität geworden: ein Flugzeug, einen Zug, ein Schiff oder einen Bus zu verpassen und es deshalb nicht pünktlich an einen verabredeten Ort zu schaffen. HORROR!
Ein paar Minuten später saß ich zum Glück im richtigen Bus. „Geht sich alles aus!“, sagte ich der Moderatorin am Telefon, „was???“ sagte die Moderatorin, ich hatte vergessen, dass die Schweizer diese Wendung, dass sich etwas ausgeht, nicht kennen. Es ging sich wirklich aus, locker; nicht so knapp, wie der Zug in die Stadt, in den ich nach der Frankfurter Buchmesse am Flughafen gerade noch mit Anlauf springen konnte. Puh, geschafft! Leider fuhr der Zug in die falsche Richtung. Es stimmt, Züge sind ein Thema bei mir, tja.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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