Endlich als Frau angekommen

VN / 12.08.2025 • 13:40 Uhr
Endlich als Frau angekommen
Anna Wetzel führt den “Sterna” in Muntlix.

Anna Wetzel fühlte sich im falschen Geschlecht. Heute lebt sie offen als Frau. Der Weg dorthin war lang und schmerzhaft. 

Göfis/Muntlix Gunther Wetzel (heute 55) fühlte sich in seinem Körper nicht zu Hause. Als Kind durchstöberte der Bub den Kleiderschrank seiner Mutter und zog heimlich ein Kleid an. Seitdem hat ihn das Bedürfnis nach Frauenkleidern und das damit verbundene Gefühl der “Richtigkeit”, wenn er sie trägt, nie mehr losgelassen. Aber erst in der Pubertät merkte er so richtig, “dass mit mir etwas nicht stimmt”. Der Blick in den Spiegel wurde zum Horror. “Ich hasste mein Spiegelbild, weil ich einen Körper sah, der nicht meiner ist.”

Mit Alkohol überdeckte er das Gefühl, im falschen Geschlecht zu sein. “Ich habe zehn Jahre lang exzessiv getrunken und war keinen Tag im Jahr nüchtern.” Indem er wie ein Rocker herumlief, mit Lederklamotten und Gel im Haar, überspielte er sein weibliches Ich. “Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich ein richtiger Kerl bin.” Aber das funktionierte auf Dauer nicht. Depressionen und Suizidgedanken quälten den Sohn des Rankweiler Sternbräu-Wirtes. Die Kellnerlehre freute ihn wenig, genauso wie die Arbeit im elterlichen Gasthaus.

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Gunther und Anna. VN

Anfang der 90er entdeckte er das Internet für sich. “Ich habe nach Menschen mit Transidentität gesucht und merkte, dass es davon viele gab. Ich war nicht allein.” Daraufhin traf sich Gunther mit transgeschlechtlichen Menschen in München. “Die Treffen taten mir gut. Denn dort wurde ich als Frau gesehen und so akzeptiert, wie ich bin.” In der Großstadt München wagte er sich auch erstmals als Frau auf die Straße, geschminkt und gestylt, in Frauenkleidern und mit Stöckelschuhen.

Zu Hause in Vorarlberg aber war er wieder Gunther. Eigentlich wollte der Göfner in eine größere Stadt ziehen. Aber dann verliebte er sich in eine Frau. „Wir haben geheiratet und zwei Kinder bekommen.“ Seine Frau wusste nichts von seinem Parallel-Leben. „Ich dachte, das kann man einer Frau nicht zumuten.“ Als sie ihn eines Tages in Frauenkleidern erwischte, war sie geschockt. Von Transidentität hatte sie noch nie gehört.

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Anna trägt gerne enge Kleider. VN

Aber zunächst führten die Wetzels ihr gemeinsames Leben weiter. Gunther fuhr weiterhin ins Ausland, wo er als “Anna” in der Transcommunity unterwegs war und seine Sehnsüchte auslebte. Doch dann kam der Tag, an dem Gunther nur noch Anna sein wollte. Sie suchte sich psychologische Hilfe und unterzog sich einer Hormontherapie. “Auch den Bart ließ ich mir weglasern.” Ihre Familie nahm sie auf dieser Reise zu sich selbst nicht mit. “Ich hatte Angst, sie zu verlieren. Letztlich standen aber alle hinter mir.” Die Ehe der Wetzels jedoch ging in die Brüche. “Es war zu viel für unsere Beziehung. Wir sind mittlerweile geschieden. Aber wir arbeiten noch zusammen.”

Weil Anna sich äußerlich immer mehr zur Frau entwickelte, musste sie sich outen. Die Gastwirtin, die in Muntlix den “Sterna” führt, bekannte sich vor sechs Jahren bei einem Gesprächsabend der Wirte zu ihrer Identität als trans Frau. “Danach ging es mir besser. Ich musste mich nicht mehr ständig erklären.” Inzwischen ist Anna als Frau voll angekommen. Sie führt keinen Krieg mehr gegen sich selbst.

Endlich als Frau angekommen
Als Frau fühlt sich Anna Wetzel wohl.