Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Freundschaftsarmbänder gegen den Hass

VN / 11.08.2025 • 10:40 Uhr

Ein paar hundert junge Menschen tanzen, singen und freuen sich gemeinsam des Lebens an ihrem Fantreffpunkt, einem Baum mit Gedenkplakette, in der Corneliusgasse in Wien Mariahilf. Dem Leben und den anderen Menschen öffentlich so zugewandt zu sein, das gilt in Wien schon als etwas verdächtig. Dennoch können sich die gepflegt missmutige Stadt und diverse Medien des Landes dem Zauber der gutgelaunten Taylor-Swift-Fans nicht entziehen. Sie kapern Wien am vergangenen Freitag, ein Jahr nach der Absage der drei geplanten Shows der „The Eras Tour“ von Weltstar Taylor Swift wegen einer Terrorwarnung, wieder mit ihrer Botschaft.

Viele von ihnen sind dafür extra angereist. „Hass hat hier keinen Platz“ steht auf dem Schild beim Mariahilfer Baum, der laut Gedenkplakette ein „Ort des Austauschs, der Erinnerung und des Zusammenhalts“ sein soll. Wer will da nicht ebenfalls gleich Freundschaftsarmbänder tauschen? Schon vor einem Jahr haben die Swifties, wie sich die Swift-Fans selbst nennen, die Bundeshauptstadt tagelang mit ihrer positiven Ausstrahlung für sich gewonnen. Während die jungen Leute, vorwiegend Frauen, auch am Jahrestag Freundschaft und Gemeinschaft zelebrieren, sitzt der Hauptverdächtige der geplanten Terroranschläge in Wien in U-Haft. Die Ermittlungen laufen noch, es gibt weitere mit den Anschlagsplänen verbundene Verhaftungen, die letzte erfolgte vergangene Woche am Donnerstag.

Liebe statt Hass

Die Swift-Anhängerinnen stellen mit ihrem Bekenntnis zu positiven Werten eine Antithese zu jenen jungen Männern dar, die sich der Gewalt verschrieben haben. Wie der Hauptverdächtige hinter den Wiener Terroranschlägen oder der Attentäter von Graz, der im Juni am Gymnasium Dreierschützengasse neun Schüler und eine Lehrerin getötet und elf Menschen verletzt hat. Junge Männer, die den Halt verlieren, sich radikalisieren und in unterschiedlichen Ideologien verlieren, die am Ende aber immer das eint: Der Hass auf die Welt, der Hass auf die anderen. Jugend ohne Mitmenschlichkeit.

Das sollte sich auch die Gruppe vor Augen halten, die sich gerne über die Swifties lustig macht: Wie sie aussehen, wie kindisch sie sich benehmen, wie sie ihr fernes Idol anhimmeln, das sich nach den Konzertabsagen in Wien nicht mit einem einzigen aufmunternden Wort bei ihnen gemeldet hat! Natürlich ist Taylor Swift nicht nur eine Sängerin, sondern ein Popkonzern, der seine Fans nicht zurücklieben wird. Und vielleicht mag es heute naiv anmuten, Liebe statt Hass zu verbreiten. Doch am Ende macht das Lebenskonzept, im Zweifelsfall freundlich zu seinen Nächsten zu sein, die Welt besser – für uns alle.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.