Wie aus Ehrenamt wahre Freundschaft wurde: Die Geschichte von Ingrid, Sebastian und Julianna

Julianna Lerch ist froh um Ingrid, die sich zwei bis drei Stunden in der Woche um ihren Sohn Sebastian kümmert. Ingrid ist eine von vielen Ehrenamtlichen, die beim Vorarlberger Kinderdorf registriert sind und Familien dadurch unterstützen, dass sie ihre Zeit einem Kind schenken. Elisabeth Dornstetter koordiniert die Vermittlung im Bezirk Bludenz.
Nenzing Ingrid kümmert sich gerne und mit Hingabe um den vierjährigen Sebastian. Sie kennt ihn, seitdem er wenige Monate alt ist, hat ihn mit aufwachsen sehen. Die 65-Jährige ist aber nicht seine Oma und auch nicht mit ihm verwandt. Sie kümmert sich ehrenamtlich zwei bis drei Stunden in der Woche um ihn und entlastet damit seine Mutter Julianna Lerch.

Das Familienimpulse-Team des Vorarlberger Kinderdorfs vermittelt Ehrenamtliche an Familien, die Unterstützung brauchen. Gerade Zugezogene haben meistens keine Verwandten im Ländle, die auf die Kinder aufpassen könnten, weshalb die Mütter auf sich allein gestellt sind. Dabei brauchen auch sie Zeit für sich, um Haushalt zu erledigen oder einfach ein bisschen Schlaf nachzuholen. Hier kommen die Ehrenamtlichen ins Spiel, die beim Vorarlberger Kinderdorf gemeldet und versichert sind. Sie schenken ihre Zeit einem Kind, gehen mit ihm zusammen spazieren, auf den Spielplatz oder Eis essen.
Julianna Lerch aus Nenzing ist froh um Ingrid, die einmal in der Woche für zwei, drei Stunden auf Sebastian aufpasst. Die Chemie hat von Anfang an gepasst und mittlerweile ist eine wahre Freundschaft daraus entstanden. „Sie ist Mitglied der Familie geworden“, sagt Julianna. „Wir feiern zusammen Weihnachten und Geburtstage.“

„Sebastian ist wie ein Spielkamerad für mich“, sagt Ingrid. So intensiv wie bei Sebastian war die Beziehung noch zu keinem anderen der insgesamt drei Kinder, die sie vom Team des Vorarlberger Kinderdorfs in den fünf Jahren zugeteilt bekam. Seit ihrer Pension ist die aktive Bludenzerin, die gerne Golf und Tennis spielt, beim Vorarlberger Kinderdorf registriert. „Kurz vor der Pensionierung habe ich mir überlegt, dass ich irgendetwas machen will. Dann habe ich das Inserat gesehen und mich angemeldet.“ Sie selbst ist kinderlos. Die 65-Jährige findet es fein, wenn sie ein Kind „kurz übernehmen und dann wieder abgeben“ kann. „Das ist das Schönste“, sagt Ingrid und lacht.
Gesucht und gefunden
Julianna erzählt, warum sie die Hilfe in Anspruch genommen hat. Sie ist Ungarin, ihre Eltern wohnen in Budapest. Ihr Mann Markus ist zwar Vorarlberger, aber er ist mit seinen Eltern in Kärnten aufgewachsen. Markus ist zudem Tunnelarbeiter und somit zehn Tage am Stück unterwegs. Im Krankenhaus, kurz nach der Geburt von Sebastian 2019, kam Julianna in Kontakt mit Netzwerk Familie, welches sie wiederum an den Fachbereich Familienimpulse des Vorarlberger Kinderdorfs vermittelt hat. Nach einem Monat wurde mit Ingrid die passende Unterstützung gefunden. „Sebastian und Ingrid verstehen sich gut. Ingrid holt ihn vom Kindergarten ab, dann gehen sie spazieren oder ein Eis essen im Sommer.“ Julianna betont, dass sie keine Oma für Sebastian ist, aber etwas anderes Gleichwertiges.

Einmal war Julianna richtig froh, dass Ingrid gekommen ist, denn „ich konnte dann endlich mit gutem Gewissen eine Runde schlafen“. Die 42-Jährige spricht von einer Win-win-Situation: „Ingrid gewinnt eine Familie und ich eine Helferin, die es mit Freude und Liebe macht.“ Für die Ehrenamtlichen sei es eben nicht nur ein Job, sondern eine Tätigkeit, die sie mit Hingabe ausüben. „Ich würde sie nie mehr hergeben“, sagt Julianna. „Ingrid ist wie ein Rettungsring für mich. Bei Arztterminen bin ich froh, wenn ich jemanden habe.“
Mit zwei bis drei Stunden in der Woche starten die Ehrenamtlichen, und das für mindestens ein halbes Jahr, damit eine Bindung zum Kind aufgebaut werden kann, erklärt Elisabeth Dornstetter, Koordinatorin beim Vorarlberger Kinderdorf und zuständig für den Bezirk Bludenz. Wichtig ist aber auch, dass beide Seiten das Verhältnis jederzeit beenden können, wenn zum Beispiel die Chemie nicht stimmt oder die Hilfe nicht mehr gebraucht wird. „Das ist auch der Normalfall“, sagt Elisabeth Dornstetter, doch bei Ingrid und Julianna hat sich die Beziehung zu einer Freundschaft weiterentwickelt. Ingrid, und generell die Ehrenamtlichen, schauen nur auf das Kind, währenddessen die Mutter ihre Zeit frei gestalten kann. Die Ehrenamtlichen sind nicht dafür zuständig, den Haushalt zu machen oder zu kochen.

50 Familien noch auf der Suche
220 aktive Ehrenamtliche, verteilt im ganzen Land, sind beim Vorarlberger Kinderdorf registriert und kümmern sich um rund 500 Kinder, die zwischen null und zwölf Jahre alt sind. 50 Familien im Land sind noch auf der Suche nach einem passenden Betreuer, darunter acht im Bezirk Bludenz. Oftmals ist der Grund für das Hilfeansuchen das fehlende soziale Netzwerk. Aber auch bei einem Krankheitsfall in der Familie oder bei Mehrlingsgeburten melden sich die Familien beim Vorarlberger Kinderdorf und bitten um Unterstützung. Die Hälfte der Familien sind Zugezogene, die andere Hälfte Einheimische. „Wir bleiben als Institution so lange vor Ort, wie uns die Familie braucht, im Durchschnitt eineinhalb Jahre“, erklärt Elisabeth Dornstetter.
Die Ehrenamtlichen – der Großteil 60 Jahre und älter – werden viermal im Jahr zu einem Frühstück bzw. Abendessen eingeladen, damit sie sich untereinander austauschen können. Auch Fortbildungen bietet das Vorarlberger Kinderdorf für die Ehrenamtlichen an. Was man mitbringen muss: Geduld, Liebe, ein gutes Gespür mit Kindern und Offenheit für andere Kulturen. Nicht jeder Ehrenamtliche passt zu jeder Familie. Meistens weiß Elisabeth Dornstetter schon beim Erstgespräch, zu welcher Familie der Ehrenamtliche passt. Da geht die Pädagogin ganz nach ihrem Gefühl, das ihr auch bis jetzt immer recht gegeben hat – wie man bei Ingrid und Julianna sehen kann.
Kontakt
Elisabeth Dornstetter
Familienimpulse, Bezirk Bludenz
Handynummer: +43 676 7645835; Tel. +43 5574 4992-82