Wenn Kinder rauben

Jugendstraftaten werden weniger, aber zunehmend brutaler.
Lustenau Im vergangenen Oktober kurz nach 21 Uhr: „Mehrere Jugendliche halten sich im Bereich Kirchplatz auf. Ohne Grund drängen drei 14-jährige einen Gleichaltrigen in einen Hinterhof. Vermummt fordern sie Geld und schlagen dem Opfer ins Gesicht. Der Jugendliche kann flüchten und verständigt die Polizei“, erzählt Opferanwalt Stefan Denifl einen Vorfall von jugendlicher Gewalt in Vorarlberg.
Im Alter von 14 Jahren sind Jugendliche strafmündig, darunter können sie nicht zur Verantwortung gezogen werden. Häufig fallen Heranwachsende als Kinder schon auf, dass sie Mitschüler unter Druck setzen, ihnen Jause, Geld, Kopfhörer oder Handy abnötigen und die Opfer sich kaum trauen, etwas zu sagen. Schließlich müssen sie den nächsten Tag überstehen.

Opfervertreter Rechtsanwalt Stefan Denifl vom "Weißen Ring". Vn/sohm
„Derartige Täter lassen üblicherweise nicht davon ab, künftig immer mehr Geld zu fordern“, sagt Denifl, der sich im Rahmen des „Weißen Rings“ für Opferschutz stark macht. Eine andere Masche ist, den Genötigten zu zwingen, mit seiner Bankomatkarte Geld abzuheben.
Verschiedene Projekte
Denifl kennt die Statistiken: „Demnach gehen Jugendstraftaten zurück, die Taten werden jedoch brutaler. Die ‚koje‘ (Koordinationsbüro für offene Jugendarbeit und Entwicklung) hat in Vorarlberg verschiedene Projekte am Laufen, um Gewalt und Kriminalität zu unterbinden“.
Sie gilt als Service- und Fachstelle und ist um sozialen Frieden bemüht. Waren es früher Schubser und Ohrfeigen, geht es mittlerweile immer mehr um Faustschläge ins Gesicht, wobei häufig schwere Zahnschäden oder Knochenbrüche entstehen. Auch Messer sind zunehmend im Spiel. Selbst wenn es die Teenager nicht aus der Tasche ziehen, räumen sie ein, dass sie es „quasi immer dabei“ haben.

Die "koje" hat in Vorarlberg verschiedene Projekte am Laufen, um Gewalt und Kriminnalität zu unterbinden. koje
Hilfe für Drangsalierte
Dem Dornbirner Anwalt ist klar, dass Opfer selten um ihre Rechte wissen. Deshalb empfiehlt er, sich an den „Weißen Ring“ zu wenden. Sitzen die Täter auf der Anklagebank, stellt der Richter dem Geschädigten die Frage: „Wollen Sie sich dem Strafverfahren als Privatbeteiligter anschließen?“. Eine Frage, mit der ein Nichtjurist wenig anfangen kann.
Wenn er dann noch einen konkreten Betrag für erlittene Schmerzen und eine beschädigte Brille nennen soll, ist er restlos überfordert und begehrt oft aus Angst, etwas falsch zu machen, gar nichts. Der Hinweis, dass Forderungen auch später noch in einem separaten Zivilverfahren geltend gemacht werden können, führt von einer sofortigen Entschädigung noch weiter weg. „
Ein Anwalt weiß, was gefordert werden kann und was an Unterlagen, beispielsweise Rechnungen, Kostenvoranschlägen oder ärztlichen Attesten vorgelegt werden muss“, so Denifl. Ein Hauptgrund, sich an den „Weißen Ring“ zu wenden, ist die gewährte kostenlose juristische und psychosoziale Prozessbegleitung. Ist Schadenersatz zugesprochen, hat man 30 Jahre lang Zeit, sich das Geld vom Schädiger zu holen. In dieser Zeit erzielen selbst junge Straftäter irgendwann ein Einkommen, sodass exekutiert werden kann.
Schockierende Gewalttaten allein im vergangenen Jahr
14-Jähriger vergewaltigte Fünfjährige: Zwei Jahre, nachdem er in Vorarlberg ein 5-jähriges Mädchen vergewaltigt hatte, wurde ein 16-jähriger Jugendlicher im September am Landesgericht Feldkirch zu einem Jahr Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.

Gewalttat in der Schule: Weil er einen 14-Jährigen auf dem Schulhof in den Schwitzkasten nahm, ihn schlug und ihm zwei Cent abnahm wurde ein 16-jähriger Türke im November am Landesgericht Feldkirch zu einem Antigewalttraining verpflichtet.
Mitschüler (12) erpresst: Im April hatte ein 14-jähriger Syrer in einer Schule von einem zwölfjährigen Landsmann unter Androhung von Schlägen 20 Euro gefordert. Mit einem Tatausgleich im Verhandlungssaal am Landesgericht Feldkirch wurde das Strafverfahren eingestellt.
Freundin (15) vergewaltigt: Ein 16-jähriger hatte im Juni in der Dusche eines Vorarlberger Klosters seine 15-jährige Freundin vergewaltigt. Er wurde am Landesgericht Feldkirch zu zwölf Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.
Gewalteskalation auf dem Spielplatz: Auf dem Inatura-Spielplatz in Dornbirn kam es im September zu einer Schlägerei unter rund 30 ausländischen Jugendlichen. Ein 15-jähriger Rumäne hatte dabei mit einem Klappmesser auf einen Somalier eingestochen.
Busfahrer angegriffen: Vier stark alkoholisierte Jugendliche attackierten im Jänner im Bregenzerwald den Fahrer eines Linienbusses und verletzten ihn mit Schlägen schwer. Die beiden geständigen 15-jährigen Haupttäter wurden bei der Bezirkshauptmannschaft angezeigt.
Schulschwänzer auf Prügeltour: Ein 14-Jähriger hatte andere Teenager auf einem Spielplatz in Rankweil grundlos angegriffen und verletzt. Aufgrund seines jungen Alters kam der Jugendliche im März beim Prozess am Landesgericht Feldkirch mit einer teilbedingten Geldstrafe von 480 Euro davon.