Über die Endlichkeit der Zeit

Mediziner Christian Flaig hat als Notarzt seine ganz eigenen Erfahrungen mit der Zeit gemacht: “Es liegt wohl in unserer Natur, dass wir nicht akzeptieren können, wenn jemand ‚vor der Zeit‘ stirbt.”
Bludenz Gerade in der Vorweihnachtszeit ist von vielen Menschen vermehrt der Ausruf „Keine Zeit!“ zu hören. Doch was bedeutet das? In unserer ohnehin sehr schnelllebigen Zeit wird selten innegehalten. Alles ist dynamisch, stets in Bewegung und die Anforderungen häufen sich, sowohl im Beruf als auch im Alltagsleben.
Dieses Gefühl, keine Zeit zu haben, ist jedoch höchst individuell, da sich die Wahrnehmung des Zeitgefühls immer auf die einzelne Person bezieht. Schon der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca beschrieb dieses Problem vor rund 2000 Jahren: „Ja, es ist nicht so, dass wir ein kurzes Leben bekommen, sondern wir haben es kurz gemacht; und wir sind damit nicht mangelhaft ausgestattet, sondern wir gehen nur verschwenderisch damit um.“ Viel Zeit verbringen wir bei unserer Arbeit, die Anforderungen steigen. Der Philosoph Patrick Spät (Jahrgang 1982) meint hierzu: „Lohnarbeit, Gartenarbeit, Beziehungsarbeit, – alles ist zur Arbeit geworden. Das Mantra unserer Zeit lautet: Ich arbeite, also bin ich.“
Zwischen Leben und Tod
Der Mediziner Dr. Christian Flaig wurde als Leiter der Notärzte und im Krankenhaus Bludenz vielfach mit dem Tod konfrontiert. Als ausgesprochen scharfsinniger Denker hat er sich auch mit dem Phänomen Zeit auseinandergesetzt. Aus seiner Erfahrung berichtet er über den Aufenthalt in der Grenzzone zwischen Leben und Tod: „Meine eigentlich unbeschwerte Kindheit war interessanterweise von ausgeprägten Verlustängsten begleitet. Wenn in Brand jemand bei einem Alpinunfall abgestürzt war, parkte der Leichenwagen oft länger bei der benachbarten Gendarmerie, was in mir ein sehr düsteres Bild erzeugte. Als Folge begleitete ich meinen Vater so oft wie möglich auf seinen Bergtouren, weil ich der Überzeugung war, dass ihm dann nichts zustoßen könne. Dass meine Füße schmerzten und der Rucksack drückte, wusste er nie. Wenn meine Eltern mit dem Auto wegfuhren, ging ich grundsätzlich davon aus, dass ich sie nicht mehr lebend sehen würde. Jetzt ist mein Vater bald 100 Jahre alt, fährt meine Mutter noch immer sicher mit dem Auto zum Friseur, und ich bin mittlerweile als ihr Hausarzt auch etwas entspannter. Bei meiner Berufswahl haben mich meine Verlustängste vermutlich im Hintergrund auch motiviert, insbesondere dann bei der Entscheidung für die Notfallmedizin.“
Ein Frontkämpfer an der Grenze
In der richtigen Notfallmedizin bewege man sich häufig in einer Grenzzone zwischen Leben und Tod. Ist diese Linie überschritten, versuche man mit allen Mitteln, den Sterbevorgang rückgängig zu machen. „Je jünger der Patient ist, umso ausdauernder sind dann häufig die Bemühungen, wenn jemand im Begriff ist, unvermittelt zu sterben. Es liegt wohl in unserer Natur, dass wir nicht akzeptieren können, wenn jemand ‚vor der Zeit‘ stirbt“, führt Christian Flaig weiter aus. Als Notfallmediziner sei man sozusagen ein Frontkämpfer in dieser Zone, manchmal ein Held und manchmal geschlagen, verletzt oder deprimiert.
Es komme unweigerlich der Zeitpunkt, an dem man auch die eigene Unverletzlichkeit in Frage stelle: „Nachdem ich als junger Notarzt mehrfach mit der Reanimation und dem Tod Gleichaltriger oder Jüngerer konfrontiert war, ließ ich an mir eine Herzkatheter-Untersuchung durchführen, da ich damals der Überzeugung war, selbst auch dem Tod geweiht zu sein und alle dazu nötigen Symptome erzeugen konnte. Dieses Phänomen kennen die meisten Ärzte und Krankenschwestern aus ihrer Studien- und Ausbildungszeit.“ Letztlich sei es nicht einmal nur das Schicksal der betroffenen Person, wenn man jemandem nicht mehr helfen könne, sondern der Umgang mit den Hinterbliebenen und manchmal auch die tiefe Betroffenheit des eigenen Teams: „Ich war als Notarzt in ein halbes Dutzend Fälle von plötzlichem Säuglingstod involviert. Das Leid der Angehörigen ist unermesslich und steht stellvertretend für alle, die unerwartet versterben, also bevor ihre Zeit gekommen ist. Hier gilt wohl das Zitat: Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der Anderen muss man leben.“
Das Problem mit den Werten
Christian Flaig nimmt auch eine Werteverschiebung in der Gesellschaft wahr: „Die ‚richtigen‘ Werte sind allen wohlbekannt, das Problem unserer Gesellschaft und Politik ist sicher das ständige Verschieben ihrer Umsetzung. In der Psychiatrie nennt man diesen Vorgang Prokrastination. Dieses pathologische Aufschiebeverhalten wird uns beim menschlich generierten Klimawandel absehbar wohl einmal auf den Kopf fallen.“ Respekt, Gelassenheit und Bescheidenheit sind Werte, die für Christian Flaig gut mit dem Begriff „Optimismus“ harmonieren. BI