Warum reflexives Selbstdenken wichtig ist

Vortrag von Philosophin Marie-Luisa Frick zu “Das Denken der Aufklärung als Inspiration und Auftrag”
Feldkirch „Passend zu diesem Tag im Mai, dem Monat, wo nach Goethe, die Natur leuchtet, die Sonne glänzt und die Flur lacht, haben wir ein philosophisches Thema gewählt, das wie keines sonst für Aufbruch, Licht und Optimismus steht: die Aufklärung“, erklärte Peter Bilger, Obmann des Theaters am Saumarkt, bei seiner Einleitung zum Vortrag von Philosophin Marie-Luisa Frick. Die Referentin sei eine ausgewiesene Kennerin der Geschichte und Philosophie der Aufklärung. „Vor mehr als 300 Jahren setzte in Europa eine Bewegung ein, die traditionelle Denkweisen, Religionen und stattliche Institutionen einer permanenten Kritik unterzog und die dem Menschen zum selbst Denken aufrief – eben die Aufklärung“, so Bilger. Die Männer und Frauen der Aufklärung waren von der Überzeugung getrieben, dass durch die ständige Vermehrung und Verbreitung von Wissen – über die Natur, den Menschen, den Staat, die Religion und die sukzessive Beseitigung des Irrglaubens und des Irrationalismus – die Menschheit sich insgesamt zum Besseren fortentwickeln könne: „Heute mehren sich allerdings die Anzeichen darauf, dass das Licht der Aufklärung allmählich schwächer wird und wir finsteren Zeiten entgegengehen.“
Wissen versus scheinbares Wissen
In ihrem prägnanten, sehr schlüssigen Vortrag „Das Denken der Aufklärung als Inspiration und Auftrag“ betrachtete Marie-Luisa Frick die Thematik unter vier Aspekten, nämlich unter dem Wissen, der Demokratie, der Religion und der Aktualität. „Die Aufklärung ist ein offener Prozess, den es auch für uns neu zu betrachten gilt“, erklärte Frick. In einem ersten Schritt spannte sie den Bogen von Wissen zu scheinbarem Wissen: „Die Wissenschaft gibt es als solche nicht. Es muss das Vertrauen in epistemische Arbeiten immer wieder neu gestärkt werden.“ Gerade die Erfahrung mit der Coronapandemie werfe die Frage auf: Haben wir zu viele Menschen, die scheinbar alles durchblicken – oder haben wir zu wenige davon? Sich Wissen anzueignen und einzuschätzen, was wirklich stimmt, sei nicht einfach: „Reflexives Selbstdenken ist wichtig, denn dadurch erkennen Menschen ihre Grenzen.“ Wissen verlange keine Gefolgschaft, sondern eine Balance an Tatsachen, wie die Welt ist und sich darstellt. Es gelte auch die Rolle der Medien, insbesondere der Sozialen Medien, bei der Wissensvermittlung zu hinterfragen.
Welt ohne Krieg
„Die Philosophie der Aufklärung hatte ein „schlampiges“ Verhältnis zur Demokratie“, erläuterte Frick. Dies vor allem deshalb, weil selbsterklärte Wiedergänger der Antike deren Ideen einfach übernommen haben, ohne die Unterschiede wie zwischen kleinräumigen Stadtstaaten und großflächigen Flächenstaaten zu berücksichtigen. Sie plädiere für eine Demokratie, die den Menschen mehr zutraue. Mit diesem Gedanken stehe sie jedoch relativ allein dar. Die Aufklärung sei nicht antireligiös gewesen, habe jedoch Religion als Gewaltauslöser eindeutig abgelehnt: „Es galt generell der Gedanke, niemanden mit Gewalt zu einer Überzeugung zu zwingen.“
Im letzten Punkt, der Aktualität der aufklärerischen Gedanken, stand vor allem das Thema Welt ohne Krieg im Vordergrund. „Wir sind noch nicht ansatzweise an dem Punkt, bei dem sich die Sehnsucht Kants nach dem Ewigen Frieden erfüllt hat“, führte Frick weiter aus. Kriege verletzen das Recht der Menschheit gesamt: „Sie wirken sich auf uns alle aus und nicht nur zwischen den Kriegsparteien, sondern auch in moralischer Hinsicht.“ Es sei trotzdem ein Trost zu glauben, dass es besser wird, denn: „Wir können das Imperium des Schicksals verlassen, denn wir sind grundsätzlich frei, Dinge zu ändern.“ BI