Neue Heimat und ein neues Leben

Weltflüchtlingstag: Syrisches Ehepaar in Bregenz wieder vereint.
Bregenz Immer wieder sucht Shorash (29) während des Spaziergangs die Hand ihres Mannes. Es scheint, als ob sie das Glück mit aller Kraft festhalten möchte. Walid (28) ergeht es ähnlich. Er hat seinen Arm um die Schultern von Shorash gelegt und drückt sie fest an sich. Die Blicke, die das junge Paar tauscht, sprechen Bände. Beide wissen nur zu gut, wie zerbrechlich alles ist. Seit drei Jahren sind Shorash und Walid verheiratet, aber nur ein Jahr der Gemeinsamkeit war ihnen danach beschieden. Dann trennte sie die Flucht vor dem Krieg aus Syrien. Walid kam vor einem Jahr nach Vorarlberg. Jetzt ist auch Shorash hier angekommen. Morgen, Sonntag, am Weltflüchtlingstag, feiert sie ihren 30. Geburtstag. In einer sicheren Stadt, in einem sicheren Land.
Die Sehnsucht blieb
Beide sind froh, einander wieder zu haben, und trotzdem ist bei Shorash ein Zwiespalt spürbar. „Ich bin glücklich, dass ich hier sein darf“, sagt sie. So ganz erreicht dieses Gefühl ihr Herz aber nicht. Shorash fehlt die Familie, die nach wie vor im Irak lebt. Dennoch will das junge Paar jetzt nach vorne schauen. „Wir haben ja uns“, flicht Walid ein und sieht Shorash tief in die Augen. Zum ersten Mal ist sie im Februar 2013 aus ihrem Heimatland Syrien geflohen. Sechs Jahre später kehrt sie zurück, aber nur zwei Monate, denn erneut brechen Kämpfe aus. Während Shorash in einem Camp im Nordirak Zuflucht findet, macht sich Walid auf die waghalsige Flucht nach Europa und schafft es schließlich nach Bregenz. Im Frühjahr 2020 erreicht die Covidpandemie den Irak. Es werden Hygienehelfer gesucht. Shorash bewirbt sich bei Care und wird Leiterin des Hygieneteams in einem Camp für intern Vertriebene. Sie gibt Trainings zur Covid-19-Prävention, verteilt Hilfsgüter, unterstützt Frauen und Mädchen: „Flüchtling zu sein, gibt dir die Kraft, wie eine Heldin zu handeln.“ Trotz der erfüllenden Arbeit bleibt die Sehnsucht nach Walid und einem gemeinsamen Leben. Im Mai 2021 können sich die Eheleute endlich in die Arme schließen. Nun ist das Paar dabei, sich eine Zukunft aufzubauen. „Zuerst muss ich aber Deutsch lernen“, sagt Shorash in perfektem Englisch und lächelt.

Über 1000 Tage warten
Gut ausgegangen ist die mit vielen dramatischen Erinnerungen behaftete Flucht auch für Noor, einen heute 23-jährigen Iraker. Geholfen hat ihm dabei die Unterstützung durch die Flüchtlingsbetreuung des SOS-Kinderdorfs in Vorarlberg. Noor war einer der Ersten, die 2016 ins dafür eingerichtete Betreute Außenwohnen einzogen. „Als ich in Vorarlberg ankam, war alles fremd, aber ich wusste, meine Zukunft wird hier sein“, erzählt Noor. Das Warten auf einen positiven Asylbescheid bezeichnet er als die schlimmste Zeit. „Es waren über 1000 Tage zwischen Bangen und Hoffen“, hat er ausgerechnet. Inzwischen verläuft alles in geregelten Bahnen. Noor hat eine Lehre als Maurer bei Hilti & Jehle abgeschlossen, im Herbst beginnt er seine Wunschlehre als Prozesstechniker bei Blum. Er wohnt in Feldkirch, das ihm zur zweiten Heimat geworden ist. Zudem hat sich der passionierte Fußballer ein Leibchen in der Kampfmannschaft des FC Mäder gesichert. „Es gab so viele Leute, die mir geholfen haben“, sagt Noor dankbar.
Seit 2016 hat das SOS-Kinderdorf rund 70 unbegleitete Jugendliche nach ihrer Flucht betreut. Aktuell gibt es zwölf Plätze in kleinen Wohneinheiten. „Es besteht immer noch Bedarf“, erklärt Sabine Flatz, die damalige Betreuerin von Noor. Alle würden sich wünschen, dass die Benachteiligungen für junge Flüchtlinge rasch ein Ende finden. Von der Caritas-Flüchtlingshilfe werden aktuell 284 Kinder begleitet, die mit ihren Eltern vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Perspektivlosigkeit aus ihrer früheren Heimat flüchten mussten. „Sie alle tragen einen Rucksack voller Hoffnung“, beschreiben Maureen Motwaro, Jennifer Schacherl und Elisabeth Meusburger ihre Erfahrungen mit diesen Kindern.