Aus Mauern wieder Brücken bauen

Diözesanbischof Benno Elbs im VN-Interview.
Schwarzach Wochenlang blieben aufgrund der Coronakrise die Kirchen geschlossen. Danach bestimmten Einschränkungen die Messfeiern. Jetzt, zu Pfingsten, können die Gläubigen aufatmen. Die Regeln wurden weiter gelockert. Landesbischof Benno Elbs empfand die Öffnung als sehr berührend. Nun hofft er, dass aus Mauern schnell wieder Brücken werden.
Wie haben Sie die Öffnung des kirchlichen Lebens empfunden?
Für mich persönlich habe ich das als sehr schön und berührend empfunden, weil ich gemerkt habe, dass viele Leute durch die lange Abstinenz den großen Wunsch hatten, wieder miteinander zu feiern und zu beten. Ich merke auch wieder eine gewisse Leichtigkeit. Das Öffnen der gottesdienstlichen Dimension war schon etwas Erfreuliches.
Könnte dieser Gang durch die Wüste, wie Sie es formulieren, für Gläubige auch ein Ansporn gewesen sein, sich wieder mehr der Kirche zuzuwenden?
Es ist wie beim Fasten: Wenn man längere Zeit auf etwas verzichtet, wird der Wert dessen, auf das man verzichtet, deutlicher. So ist es auch mit der Religion. In einer Krisensituation geht es vordergründig natürlich um fundamentale Dinge wie Ernährung, aber man spürt, dass es im Leben auch andere wichtige Dimensionen gibt. Deshalb habe ich mit dem Begriff „systemrelevant“ so meine Probleme, weil er wichtige und weniger wichtige Dinge unterscheidet, und wir merken ja, dass im Grunde genommen alle in ihrer Art und Weise wichtig sind.
Wie war die Situation in den Pfarreien?
Die Umstellung auf eine digitale Form der Seelsorge verlangte Flexibilität, sie hat aber auch gezeigt, dass eine große Kreativität da ist und wir eine gute Ehrenamtlichenstruktur haben.
Wie haben Sie die Gottesdienste erlebt, die Sie allein in Ihrer Kapelle halten mussten?
Beim ersten Mal war es sehr bedrückend. Es hat mich wirklich betroffen gemacht. Dann habe ich mir vorgestellt, dass hinter dem Mikrophon und der Kamera Tausende Menschen sitzen und in irgendeiner Weise mitfeiern. Das gab mir das Gefühl der spirituellen Verbundenheit.
Wissen die Leute überhaupt noch, welche Bedeutung das Pfingstfest hat?
Eine Definition von Pfingsten ist vielleicht nicht so leicht herzubringen, aber den Inhalt von Pfingsten kennen die Leute. Da bin ich mir sicher. Dass wir auch spüren, dass es in der Welt einen guten Geist braucht, der gerade in einer Krise wichtig ist, und der Geist von Pfingsten ist eigentlich der Geist, der den Jüngern in ihrer ausweglosen Situation Mut, Perspektive und Kraft gegeben hat für einen Weg, der letztendlich zur Verbreitung des Christentums geführt hat. Dass wir alle so einen Geist brauchen, weiß, glaube ich, jeder.
Zu Pfingsten hätten auch die Firmungen stattfinden sollen. Wann wird das geschehen, im Herbst?
Aus heutiger Sicht ja, aber in der Krise braucht es eine Art Freundschaft mit dem Unplanbaren.
Wird es Prozessionen an Fronleichnam geben?
Ganz große, wie etwa in Hörbranz und Sulzberg, wurden abgesagt. Ich gehe jedoch davon aus, dass es in anderen Gemeinden trotzdem Fronleichnamsprozessionen geben wird.
Es gibt heuer erstmals ein Hirtenwort zu Pfingsten. Warum?
Es ist der Versuch eines Beitrags zur gesellschaftspolitischen Diskussion, weil viele Themen angesprochen sind, und das Entscheidende ist aus meiner Sicht, wie es jetzt weitergeht. Persönlich glaube ich, dass wir uns an einer Weggabelung befinden. Die einen möchten schnell wieder zurück in die alte Normalität, doch das ist meines Erachtens unrealistisch. Es erinnert mich ein bisschen an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Manche möchten zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens, aber diese Fleischtöpfe sind auch eine Sackgasse. Die andere Richtung an der Weggabelung ist Neuland. Für dieses neue Miteinander braucht es bestimmte Grundhaltungen. Diese ins Gespräch zu bringen, ist der Sinn der Sache.
Das Hirtenwort enthält einige Schlagworte, wie Geist der Dankbarkeit, der Verbundenheit, der Solidarität usw. Welchen würden Sie für sich und die Kirche im Land präferieren?
Empathie ist für mich das eine große Wort, das andere Gelassenheit und Vertrauen. Durch schwierige Zeiten kommen wir nur miteinander. Es wird keine Zukunft ohne Empathie und Nächstenliebe geben. Außerdem braucht es Gelassenheit und Vertrauen, dass das Gute sich durchsetzt. Das ist auch ein christlicher Grundwert.
Ist nicht zu befürchten, dass jetzt, wo viele Staaten ums Überleben kämpfen, die Flüchtlingsfrage in den Hintergrund rückt?
In der Krise war der erste Reflex, wieder Grenzen hochzuziehen. Grenzen sind jedoch etwas, das letztendlich zerstört. Anfangs verständlich, wenn man aber wieder beginnt zu reflektieren, sollte man schnell dazu übergehen, aus Mauern Brücken zu machen. Daran zu erinnern ist auch eine Aufgabe der Kirche. Ich habe Vertrauen, dass in jedem Menschen der Geist Gottes wohnt, und dass jeder diesen Geist in sich entdeckt, wenn er über die Welt und das Miteinander nachdenkt.
Glauben Sie, dass sich die Menschen nach der Coronakrise in ihren Bedürfnissen zurücknehmen?
Das hoffe ich sehr, denn alles andere wäre eine Rückkehr zu den Fleischtöpfen Ägyptens und damit in eine Sackgasse. Es braucht eine ökosoziale Marktwirtschaft und eine intelligente Reduktion, wie der Club of Rome schon vor Langem sagte. Ich bin diesbezüglich optimistisch, es erfordert jedoch Anstrengung auf diesem neuen Weg.