Erste Schritte zurück ins Leben

Skibergsteiger Daniel Ganahl war nach einem Radunfall gelähmt und kämpft für seine Zukunft.
Murnau Am 19. Juli blieb um 12.57 Uhr für Daniel Ganahl die Zeit stehen. Ein kurzer Augenblick teilte das Leben des 28-Jährigen in ein davor und danach. Sekunden davor war Ganahl ein erfolgreicher Sportler, der sich mit Ehrgeiz und großem Engagement auf die kommende Saison der Skibergsteiger vorbereitet hatte, immer mit dem Ziel der Teilnahme an den Olympischen Spielen in eineinhalb Jahren in Cortina im Hinterkopf. Doch durch einen Moment der Unachtsamkeit einer 67-jährigen Autofahrerin war plötzlich alles anders. Für Ganahl ging es zunächst darum zu überleben und anschließend um einen Weg zurückzufinden – zunächst in ein möglichst normales Leben und in Zukunft vielleicht wieder in den Sport. Der Montafoner bleibt trotz dieses schweren Schicksalsschlages seiner positiven Art treu: „Ich bin der festen Überzeugung, dass alles gut wird.“

Schockierende Realität
Daniel Ganahl hatte am 19. Juli einen fatalen Unfall mit dem Rennrad in Schönau am Königsee. Bei einer Abfahrt übersah ihn die Fahrerin eines entgegenkommenden Autos, das nach links abbiegen wollte. Ganahl prallte mit hoher Geschwindigkeit gegen den PKW und wurde meterweit durch die Luft geschleudert. An den Unfall selbst kann sich der 28-Jährige nicht mehr erinnern, obwohl er an der Unfallstelle zunächst noch bei Bewusstsein gewesen sein soll. Doch als er einen Tag später im Krankenhaus aufwachte, konnte er seine Arme und Beine nicht mehr bewegen. „Ich habe mir zwei Hals- und drei Brustwirbel gebrochen. Eine Bandscheibe hat es mir leider ins Rückenmark gedrückt, deshalb bin ich querschnittsgelähmt“, beschreibt Ganahl die schockierende Realität. Doch damit nicht genug, sein Gesicht wurde beim Unfall regelrecht zertrümmert, das Jochbein war ebenso wie der Kiefer und die Nase gebrochen, insgesamt verlor er 16 Zähne. Sein Gesicht musste von den Ärzten der Unfallklinik wieder rekonstruiert werden. „Es ist nicht mehr ganz wie früher. Aber dafür, dass sie mich davor nie gesehen haben, haben es die Ärzte gut gemacht“, sagt der 28-Jährige. Die Erzählungen des Montafoners sind kaum auszuhalten, umso bewundernswerter ist der Umgang des langjährigen Weltklasse-Skibergsteigers mit seiner jetzigen Situation.

Kampfgeist
Noch schwerwiegender als die multiplen Gesichtsverletzungen wiegt die Querschnittslähmung. Der Sportler, der in seinem Leben tausende Berge bestiegen hatte, lag plötzlich bewegungsunfähig im Bett. „Als ich aufgewacht bin, konnte ich mit Ausnahme eines leichten Zuckens nichts mehr bewegen. Aber zum Glück kommt das Gefühl wieder zurück“, berichtet Ganahl. Auch seine Hände waren zunächst taub. Doch die Einschränkungen waren ungleichmäßig. Seine rechte Seite hatte es deutlich schlimmer erwischt, zu Beginn konnte er weder Hand noch Fuß bewegen, selbst um den Kopf zu heben, brauchte er Hilfe. Auch jetzt kann er auf dieser Körperseite nicht jeden Muskel ansteuern: „Am Anfang war ziemlich viel gelähmt.“

Schon nach wenigen Tagen zeigte sich Ganahl trotz der schwierigen Situation kämpferisch. „Ich habe mir selbst gesagt: Ich will es schaffen, ich will wieder einen Berg besteigen und vielleicht wieder Wettkampfsport betreiben. Mir ist bewusst, dass dies ein schwieriger Weg ist. Aber das waren sehr schnell meine Gedanken“, erinnert er sich. In diesen Momenten half ihm seine Erfahrung als Sportler, das Wissen, immer ein Ziel im Auge zu haben – selbst als er bewegungslos im Krankenbett lag. Ganahl nahm den Kampf und wurde zumindest in kleinen Dosen bereits für seine Einstellung belohnt: „Alle Betreuer waren ziemlich überrascht, dass es so schnell aufwärtsgeht.“
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Vor gut einer Woche veröffentlichte er ein Video, auf dem er – nur sieben Wochen nach dem verheerenden Unfall – bereits wieder ohne fremde Hilfe geht. „Wieder ohne Unterstützung gehen zu können, ist einer der schönsten Moment in meinem Leben“, wählte Ganahl als Titel. „Ich kann meinen Alltag schon wieder selbst gestalten, kann mich selbst anziehen. Das tut gut“, freut er sich über die positive Entwicklung.

Sehnsucht nach Daheim
Nach zwei Monaten Reha in Murnau neigt sich die Zeit von Ganahl am Staffelsee langsam dem Ende entgegen. In ein paar Wochen sollte sein Weg im Rehabilitationszentrum Bad Häring weitergehen, zurück in ein normales Leben. Unterstützt wird der Montafoner dabei von seiner Freundin Tamara, die aus Berchtesgaden kommt und bei der er zum Zeitpunkt seines Unfalls zu Besuch war, seinen Eltern und zahlreichen Freunden, die ihm nach dem schlimmen Unfall Mut zugesprochen haben. „Grad am Anfang haben mir die Nachrichten geholfen.“ Eines kann der 28-Jährige kaum erwarten: „Ich freue mich schon sehr darauf, wenn ich wieder länger daheim sein darf.”